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7. September 2021

Das Schweigen der Männer

Das Schweigen der Männer

Ich verlasse Brilon, der Schuh drückt. Zum Glück habe ich ein Pflaster dabei, so kann ich das auf den Schuh kleben. Bei der ersten Rast „An der Bike“ lege ich das Schild ab am benachbarten Stromkaste ab, als eine ältere Dame Anfang 80 winkend auf steht und geschwind zur ihren Garten umfriedenden Hecke spurtet. „Wird die Straße umgetauft? Kommen Sie mal rein, dort ist ein Tor, da müssen Sie herum. Kommen Sie, möchten Sie eine Tasse Kaffee? Wir frühstücken gerade, die Kleinschmidts sind auch da …“ Ich sitze plötzlich bei den Beckers und den Kleinschmidts am Tisch, trinke Kaffee und werde mit Brötchen versorgt. Wir plaudern über Sinn und Unsinn von Straßennamen und dieser Aktion. Vor allem der Anzug sorgt für Erheiterung. Ob ich auch schon gewählt hätte, fragt Herr Kleinschmidt. Ich verneine, behalte aber die Tatsache für mich, dass ich noch nie gewählt habe. Ich solle die Herren Martin Winter und Merz grüßen, wenn ich in Berlin angekommen bin. Die Fürsorge rührt mich zu Tränen, ich werde mit Brötchen versorgt: „Nehmen Sie alles mit, soviel Sie wollen. Wir haben genug hier. Sie werden es brauchen“, umsorgt mich Frau Becker herzlich. Ich bedanke mich für Ihre Gastfreundschaft und habe ein Brötchen, zwei Eier und eine Tomate in meiner nichtvorhandenen Tasche und trage Sie in der anderen Hand weiter in Richtung Marsberg. Herr Kleinschmidt macht noch schnell ein Foto als Erinnerung an diese unvorhergesehene Begegnung. Ich winke zum Abschied. Um 11.07 Uhr geht mein Telefon, Helm ruft an: „Frank, wo bist Du?“. Ich schaue auf mein GPS: „5,1 Kilometer vor Brilon in Richtung Marsberg“, informiere ich meinen Freund aus Studienzeiten ungewohnt präzise. „Bleib da, ich bin gleich da!“, ruft er ins Telefon. „Warte, ich muss weiter …“, höre ich mich ins Nichts sagen, da Helm schon aufgelegt hat. Also warte ich, und warte, und warte … Nach einer halten Stunde klappert ein silberner Kastenwagen die Landstraße hoch und hält vor dem inzwischen halb eingeschlafenen Mann Schild. Tatsächlich steigt der große Mann mit der Statur eines LKW-Fahrers, der beruflich Regelmäßigkeit mit seinen Händen die Filigranität des klassischen Gitarristen ins Nirvana befördert, aus dem Auto: „Moin Frank, hier geht’s lang. Wir müssen hier noch ein Stück die Landstraße hoch, dann geht’s rechts. Ab da wird’s schön“, behauptet der Hüne mit Hut als hätten wir uns gestern erst gesehen. Mir bleibt vor Sprachlosigkeit nichts anderes übrig, als den Mund zu halten und so trotten wir gemeinsam die aufgrund des von Helm vorgeschlagenen Umweges über Madfeld die restlichen nicht 18, sondern 21 Kilometer nach Marsberg neben einander her. Helm erzählt wunderbar von den tiefen Erfahrungen der Entspannung durch die Monotie und Repetition der sich wiederholenden Bewegung beim Wandern, ich schweige aus Erschöpfung, bin dankbar diesen so sensiblen Mann mit der so gegenläufigen Erscheinung meinen Freund nennen zu dürfen. Ohne ihn und seine Krafft hätte ich es nicht bis nach Marsberg geschafft, wo die Gespräche in den beiden sich gegenüber liegenden Eiscafés ersticken, als der Mann mit dem Straßenschild sich und das Schild die Hauptstraße entlang schleppt. Zwei Frauen lösen sich aus der staunenden Starre des ungewöhnlichen Anblicks, überqueren die Straße und sprechen mich an: „Sagen Sie bitte, entschuldigen Sie, wir würden gern wissen, was die Bedeutung dieser Aktion ist?“ Ich frage zurück, was sie denn sehen würden. Beim Beschreiben ihrer Wahrnehmung fällt ihnen die widersprüchliche Nähe zum Kreuzweg und der Schriftzug: „Weg des geringsten Widerstandes“ auf. Beim Nachdenken über unserer Zeit, fällt ihnen ein, dass sie beide in der Pflege arbeiten würden und regen sich auf die Zustände in diesem Land und die dafür verantwortlichen Kräfte und Personen auf, die dieses „Desaster“ angerichtet hätten. „Wissen Sie, eine Mitarbeiterin hat sich zwei Mal impfen lassen und hat jetzt einen PCR-Test machen lassen mit positivem Ergebnis. Das darf der Chef jetzt nicht weitergeben, da das statistisch nicht vorkommen dürfe. Das verstößt gegen die politischen Vorgaben. Das muss man sich mal vorstellen!“ Eine weitere Gruppe von stößt hinzu und ergänzt das soeben gehörte aufgeregt durch eigene Erlebnisse auf dem Umfeld der Pflegekräfte mit ähnlichen Erfahrungen: „das in diesem Land mit dieser Geschichte sich dieselbe Geschichte wiederholt, macht mich fassungslos. Und alle machen mit, schauen Sie sich um …“