6. September
Keine Trecker mehr im Sauerland - Die Apokalypse

Wir erreichen Bestwig und treffen auf Supermario, der sich gerade anschickt und eine im seinem Garten vermorschte Bahnschwelle in seinen Combi zu hieven, als es im Angesicht des anzugtragenden Schildschleppers aus ihm herausfährt: „Sie haben aber schwer zu tragen, was ?“ „Sie aber auch“, erwidere ich, als er ergänzt: „Da haben wir ja was gemeinsam“. Wir tauschen kurzerhand und für einen kurzen Moment morsche Bahnschwelle gegen Schild, beides ist in etwas gleich unhandlich und schwer. Es ergibt sich ein angenehmer Plausch über den Sinn von Gemeinschaft in dieser herausfordernden Zeit: „Wir können das nur gemeinsam schaffen“, erklärt Supermario, er sei mit seiner Frau vor 2 Jahren hier ins Dorf gezogen und sie beide seien sofort aufgenommen worden in die Dorfgemeinschaft. Das wäre in der städtischen Anonymität nicht möglich gewesen. Er schlägt vor die morsche Bahnschwelle für immer gegen das Schild zu tauschen, als ich ihm eröffne, das zum Schild auch der Anzug gehöre und der Weg nach Berlin. Wenn er den Weg des geringsten Widerstandes fortsetzen würde, kämen wir ins Geschäft. Er überlegt eine kurze Langeweile, um dann doch dankend abzulehnen. ER nutz die Gelegenheit, um sich ein wenig Luft zu machen über die gesellschafltiche Spaltung im Land, um seine Hoffnung auf die Überwindung der Spaltung in den Weg des geringsten Widerstandes zu setzen: "Wenns einer schafft, dann ihr!" Wenig später treffen wir auf einen älteren Herrn, der uns entgegen kommt. Er behauptet, er sei pensionierter Verwaltungsbeamter und möchte wissen, für welche Partei wir in den Wahlkampf ziehen. Ich erkläre, das keine Partei so tief nach der Wahrheit schürfe wie dieses Schild, das den Menschen ja die Frage ans Herz lege, welchen Weg im Leben sie denn eingeschlagen hätten und weiter einschlagen wollen. „Aber Sie müssen doch irgendwo zu gehören, wer hat Sie beauftragt?“ Möchte der auf seiner Hausstrecke Wandernde von mir wissen. Ich gebe vor, die philosophische Frage im Selbstauftrag den weiten Weg geschultert nach Berlin zu tragen, als er fragt, wie wir zur Impfung und Corona stehen: „ Ich vermute, Sie sind Coronaleugner und Impfgegner“, spekuliert er. Auf den Zahn gefühlt, erkläre ich, das ich weder am Schürfen an der Oberfläche, noch an schlauem Schubladendenken interessiert bin, stattdessen an der Suche nach der Wahrheit. In deren Namen sei ich wohl unterwegs. Er bedankt sich für das freundliche Gespräch, während eine Gruppe E-Bikefahrer nach der andern an uns vorbei rauscht. 14.42 Uhr Ich halte Ausschau nach neuem Schuhwerk, nachdem selbst die Schuhe Blasen werfen. Noch ein Wort, also höchstens eins zu meinem heutigen wundervollen Wegbegleiter Dirk T., an dieser Stelle erlaube ich mir unseren kompletten Dialog wähende der heutigen etwa neun-stündigen Wanderung wieder zu geben: 8.23 Uhr Ich: Geht’s? Dirk T.: - (Er schaut so erstaunt über diese Frage, dass ich lieber wegschaue. Er antwortet nicht) 10.48 Uhr Ich: Geht’s immer noch? Dirk T.: - (Er schaut so erstaunt über diese Frage, dass ich lieber wegschaue. Er antwortet nicht) 12:05 Uhr Ich: Geht’s wirklich? Dirk T.: - (Er schaut so erstaunt über diese Frage, dass ich lieber wegschaue. Er antwortet nicht) 12:36 Uhr Ich: Pause? Dirk T: Nur, wenn’s sein muss? 12:52 Uhr Dirk T: Wir müssen weiter. Ich: Aber ich habe doch noch gar nicht mein Brötchen aufgegessen, können wir nicht noch 10 Minuten hier sitzen bleiben? Bitte, noch diese paar Minuten. Dirk T: So wird das nix mit Berlin, los jetzt! Ich: Mein Gott, jetzt lass uns doch mal ein bisschen Pause mach… Dirk T: Los jetzt (Steht auf und geht). 15:38 Uhr Ich: Pause? Dirk T.: So kommst Du nie nach Berlin. 16:19 Uhr Ich: Dirk, lass uns doch kurz Pause machen, das Schild und meine Füße. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie meine Füße inzwischen … Dirk T.: - (geht einfach weiter). 17:52 Uhr Ich höre ihn einen Song Fanny van Dannen’s singen : „Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, lalalala….“ 18:28 Uhr Er singt in einer mir unbekannten Melodie: „Es gibt keine Trecker mehr im Sauerland. Ist dies die Apokalypse? Lalalalala …“ 18:48 Uhr Wir erreichen wieder die Landstraße, als uns 25 Minuten später eine Polizei anhält: „Bei uns rufen Leute an, die behaupten, sie hätten jemanden an der Briloner Straße gesehen, die ein Schild geklaut hätten.“ „Damit könnten unmöglich wir gemeint sein“, erwidern wir. Wir würden ja nur den Weg des geringsten Widerstandes suchen. Wir erläutern das Anliegen, das Schild nach Berlin zu tragen, was die Beamtin und Beamten sichtlich milde stimmt und ein charmantes Lächeln auf ihre Lippen zaubert. Wenn noch jemand anrufen sollte, sollten bitte die besten Grüße bestellt werden, wir suchen den Weg des geringsten Widerstandes. Wer ihn kennt, sollte bitte Kontakt mit uns aufnehmen. Unter dem Vorwand weiterer Ermittlungen tauscht der plötzlich sehr gesprächige und exoquente Dirk T. noch hinter dem Polizeiwagen, nachdem es deutlich intimer geworden ist, Telefonnummern mit der hübschen Polizistin aus (Leider ist sie schon verheiratet). 19:59 Uhr Im Lokal im Herzen Brilon erscheinen erneut zwei Polizeibeamte, nachdem sich der Restaurantbesitzer bei der Polizei über das unerlaubte Anlehnen des Schildes an die Hauswand beschwert. In Anwesenheit der beiden freundlichen Polizisten wird die Sache schnell bereinigt und mit einem Bier aufs Haus besiegelt. Wir sind willkommen und angekommen im Hochsauerlandkreis und in Brilon.
