5. September
Lost um Sorpesee

08.43 Uhr Wir verlassen unser Nachtlager heute mit dem Vorhaben, 31 Km zu gehen. Der Schild ist zwar schwerer als gestern, dafür hängen die Schultern tiefer, genau wie der Kopf. Das Schuhprofil meiner Sohlen passen nicht mit dem Reifenprofil des den Untergrund geprägten Traktors überein, ich will nicht sagen, die Füße schmerzen, tue es aber trotzdem. 09.52 Uhr Ein Trecker hält neben uns, der Fahrer stellt fest: „Sie haben aber schwer zu tragen, woll? Ich frage, warum er denn am Sonntag arbeitet? Der Landwirt zeigt auf seinen kleinen Sohn, der oben auf dem rechten Radkasten thront und genüsslich am Schnuller nuckelt. Er erklärt: „Is keine Arbeit, ich mach mit dem Kleinen ne Rundfahrt“. Ich erkläre auf Nachfrage, dass das Schild weiter durchs Sauerland getragen werden muss. Er wünscht, gute Fahrt und meint damit wohl eher sich selbst und seinen Sohn, denn wir müssen ja eher gehen. Etwa eine Stunde später treffen wir wieder auf die beiden. Er hält wieder an und meint, wir wären ja schon weit gekommen. Ich frage nach dem Namen seines kleinen Sprösslings, er erklärt daraufhin, die Sohnemann würde genau wie der Markenname seines alten Traktors heißen: Xaver. Er erläutert, er liebe seine Frau noch mehr, seit er das bei Ihr durchsetzen konnte. Er erklärt weiter, dass sein zweiter Sohn Carl heißen würde, nach Carl Benz, genau wie seine Automarke … 13.32 Uhr Wir erreichen gutgelaunt, guter Dinge aber mit Loch im Bauch den Sorpesee und steuern das Restaurant „Heimathafen“ an, beinah dort angekommen fragt ein älterer Herr, ob ich den Weg denn noch immer nicht gefunden hätte? Er erklärt, es lohne sich im Leben Umwege zu gehen, dort warteten die bedeutendsten Erkenntnisse, die entdeckt werden wollen. Nur so sei dem Leben überhaupt ein angemessener Sinn zu geben. Ein junger Mann erklärt daraufhin im Vorbeigehen, er kenne den Weg des geringsten Widerstandes ziemlich gut, genau genommen wäre es sogar so etwas wie sein Zuhause. Der ältere Herr erwidert, das er dann würde ja offenbar in einer Sackgasse wohne. Ich verabschiede mich lieber zum notwendigen Mittagessen, bevor Komplexität, Substanz und Bedeutung dieses kurzen Dialoges vollkommen in mein Bewusstsein dringt, als mich der ältere Herr daran erinnert, das ich womöglich Komplexität, Substanz und Bedeutung meiner Unternehmung noch nicht vollkommen in mein Bewusstsein gedrungen sei … 17.38 Uhr Auf der verzweifelten Suche nach einem Fuß- oder Radweg neben der viel- und schnell befahrenen Landstraße entscheiden wir uns, über Feld und Flur zu stapfen, als wir plötzlich vor einem Bach stehen, der die Flur durchschneidet. Wir legen das Schild quer über den Bach und balancieren über den Rohrpfosten. „Wofür so’n Schild so alles gut ist“, bemerkt die ehemalige Balletteuse Astrid H. vor lauter Begeisterung. Wenig später setzen wir den Weg des geringsten Widerstandes auf dem Radweg neben der Landstraße nach Meschede fort, um endlich spät abends in Meschede anzukommen. Erneut fragen wir uns, wie wir es geschafft haben, über Stock und Stein, Mann und Maus, Feld-, Wald- und Wiesenwege nach Meschede zu gelangen. Wahrscheinlich, weil eine ältere Dame uns am Sorpesee gesagt hat, das Gott mit uns wandern würde, sie hätte ihn die ganze Zeit neben uns gesehen …
