LogoWeg des geringsten Widerstandes
← Zurück

3. September

Es gibt nur ein Kreuzberg

Es gibt nur ein Kreuzberg

09.28 Uhr Im Dhünner Wald treffen wir auf eine Gruppe junger Männer mit samt einem Paar mittleren Alters, die Anweisungen geben und die jungen Männer die Bäume mit Sprühlack markieren lassen, offenbar soll der Wald hier “ausgedhünnt” werden (Ich bitte darum, mir diesen neuerlichen Anfall von vordergründiger Wortwitzigkeit nachsehen). Wir unterhalten uns kurz über die gegenseitigen Absichten und projiziert in mich einen möglichen guten Waldarbeiter hinein, der bestimmt Baumstämme aus dem Wald tragen könne, wenn auf der Schulter schon ein Straßenschild balanciert werden kann. 13.02Uhr Vor den Toren Wipperfürths stellt uns eine Polizeistreife. Ein Polizist mittleren Alters und seine noch sehr junge bildhübsche Kollegin wollen wissen, wo wir das Schild geklaut haben? Wo denn in Wipperfürth der Weg des geringsten Widerstandes sei? fragen wie einigermaßen irritiert zurück? Wir würden das Schild sofort dort montieren, ergänzt Dirt T. sichtlich amüsiert über die Begegnung. 13.37 Uhr Wir erreichen nach länger werdenden Schritten die Wipperfürther Innenstadt. Als wir auf der Einkaufsstraße der ansehnlichen Innenstadt den Weltladen erreichen, begrüßt man uns mit den Worten: „Da seid Ihr ja endlich, setzt Euch. Cappuccino oder Espresso? Hat sich unsere Bekanntheit über Nacht so dramatisch erhöht, ohne dass wir Notiz davon genommen hätten? Dirk T. ist wie immer vieles, wenn nicht alles egal und bestellt einen Espresso und einen Cappuccino nach dem anderen. Als der nächste Espresso kommt, erklärt die für den Weltladen servierende Dame: “Da habt Ihr uns ja was Schönes mitgebracht. Das war bestimmt die Idee unserer Chefin, die steht da drüben und kommt gleich. Die hat aber auch immer Ideen. Der Weg des geringsten Widerstandes als Geschenk für unseren Laden, wie witzig.” Ich erkläre daraufhin den Mitarbeitern des Weltladens, die offenbar das 40-jährige Bestehen des Wipperfürther Ladens feiern, nachdem sie sich weiter an unserem Mitbringsel „Weg des geringsten Widerstandes“-Straßenschild erfreuen, das wir das Schild gern nach Berlin bringen würden und wohl nicht hier stehen lassen könnten. Schnell spricht sich unser Vorhaben herum und wir kommen kaum durch die Einkaufsstraße zum Markt, wo wir gern zu Mittag essen würden, so groß und herzlich ist plötzlich das Interesse an dieser visuellen Zuspitzung des aktuellen Zeitgeschehens. 18.03 Uhr Wir erreichen Kreuzberg (Westfalen). Wir kommen in die Nähe unserer Herberge Klosterhof, als uns schallendes Gelächter aus dem Biergarten an die Ohren schallt. Skeptisch schauen wir uns um und stellen fest, das offensichtlich der anzugtragende Mann mit dem geschulterten Schild der Grund für die Erheiterung ist. Ein Mann mittleren Alters, der sich später als Herr Stenzel entpuppt, lädt uns an den Tisch der heiteren Gruppe, bestellt zwei Bier für „Locke“ und den „Bürgermeister Kai-Uwe“, damit bin dann wohl ich gemeint. „Seid Ihr drüben aus dem Irrenhaus ausgebrochen oder seid Ihr von der CDU?“, will man von uns wissen. Wir erklären das Anliegen, dass das Schild nach Berlin müsse und wir hier über Nacht Rast machen würden. „Moment“, gibt Herr Stenzel zu bedenken: "Du kommst hier im Anzug mit diesem Schild auf der Schulter um die Ecke und willst mir erzählen, dass Du damit bis nach Berlin gehst. Egon, ruf da drüber mal an, die sollen den hier wieder abholen. Das ist so ziemlich das Bekloppteste, was ich je gehört habe. Außerdem ist das hier ist zwar Kreuzberg, aber Euer Navi hat sich wohl vertan, das hier ist ein anderes Kreuzberg in Westfalen. Hier ist alles anders als in dem Kreuzberg, von dem Ihr sprecht. „Na, dann müssen wir jetzt wohl schnell weiter“, gebe ich vor und will aufstehen, “Locke” bleibt leider sitzen und scheint sich wohlzufühlen im falschen Kreuzberg. Die anderen ignorieren ebenfalls die Abschiedsgedanken und bitten um eine Erklärung für diesen Auftritt hier in der westfälischen Version von Kreuzberg. Als die kommt, kommentiert Herr Stenzel mit: „Ihr schafft das nie!“, das Vorhaben, im benachbarten Sauerland seien die Berge so hoch, da kommt Ihr in 3 Tagen nicht durch, das könnten wir vergessen. "Aber Hannibal sei doch auch mit einem Elefanten über die Alpen ... ", will ich noch ergänzen, als Herr Stenzel vorschlägt: "Außer, ich fahr Euch morgen nach Lüdenscheid", damit hätten wir etwas Zeit gewonnen, um rechtzeitig zur Wahl nach Berlin zu kommen: „Ihr schafft das trotzdem nicht, der Anzug vom Bürgermeister hat ja nicht mal Schweißränder, Ihr seid doch hier um die Ecke erst aus dem Auto gestiegen. 20 Km ohne Schweißränder? Schaut Euch den doch mal an, und der Anzug erst, der hat keinen Kratzer, das Hemd, keine Flecken oder Schweißränder, die Schuhe, Du lieber Gott. Mir reicht’s. Ich glaub euch kein Wort. Erst als wir eine Lokalrunde bestellen, ist die Glaubhaftigkeit unserer Geschichte wie im Nu wieder hergestellt. Herr Stenzel spendet die Fahrt nach Lüdenscheid in seinem Trecker, wir freuen uns über die Unterstützung, bestellen weitere Lokalrunden, um die Glaubwürdigkeit von Bürgermeister Kai-Uwe und Sekretär Locke zu steigern. Als diese das Unermessliche erreicht, fallen wir lallend den Kreuzbergern in die Arme und in meinem Fall krachend in den langen Kreuzberger Nächten aus dem leicht durchgelegenen Zustellbett. Am nächsten Morgen entdeckt die Wandergruppe den Rückenschmerz neu, an Stellen, wo vorher noch kein Rücken war. Es hat wohl auch noch niemand im Sauerland in Baby-Zustellbetten übernachtet. Kommentare: Helmknabenkraut, 9:58 Uhr: Die Geschichte vom 03.09. ist großartig! Achim K, 8:53 Uhr: Für Eure heutige Etappe bis ins schöne Sauerland wünsche ich euch tolle Begegnungen mit der Landbevölkerung, getreu dem Motto-hier frei nach "ZOFF", "Sauerland" von 1984: Ein Bauer stand in Sauerland und dachte drüber nach, dass Hühner auffe Stange sitzn, Tauben aufm Dach. Indessen kommt ein Mann daher mit Schildchen auffe Schulter hat Anzug an und Schühchen fein, hört hört, es ist Frank Bulter.