2. September
Aller guten Dinge sind drei (mal Schwamm drüber)

10.07 Uhr Wir brechen auf, nachdem das ausführlich gekochte 3-Stunden-Frühstücksei des Gefährten Dirk T. in unserer Herberge in Bergischen Bechen dann doch noch fertig wird. Der Gefährte bleibt dennoch am Frühstücksei hängen, für das er zunächst genüssliche 3 Stunden des Verzehrs benötige, so seine Auskunft. Wir legen, so der Rat der übrigen Wanderweisen des Wegs des geringsten Widerstandes, heute einen höheren Gang ein, um den Frühstücksei-Zeitverlust wieder wettzumachen. Im Waldgebiet hinter dem Hotel treffen wir wiederholt auf sechs freundliche Reiterinnen, die nach einer Erklärung bzgl. des anzug- und straßenschildtragenden Mannes fragen. Wir schildern, dass sich der Strom immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht und damit die Frage nach dem Sinn der Stromlinienförmigkeit jedes einzelnen von uns inklusive politischer Elite in Berlin, die am Ende der Wanderung zur Bundestagswahl am 26.09.21 mit dem Schild konfrontiert werde, anschaulich dargestellt werde. Sie geben zu verstehen, dass sich alle sechs um behinderte Jugendliche kümmern würden und nur zu genau wüssten, was wir mit dieser Frage bezwecken. Es entsteht ein gegenseitig ermunterndes Gespräch über aktuell zuhauf zu Tage tretende Wege der geringsten Widerstände, die es für alle Menschen zu überwinden gelte. Wir werden beauftragt und versprechen, auch in ihrem Namen diesen exemplarischen Weg des größten Widerstandes zu gehen und verabschieden uns schon als sie plötzlich amüsiert zu bedenken geben, das wir gerade den „Umweg des geringsten Widerstandes“ wählen. Wir sollten besser und wohl oder übel wieder umkehren, bis zur letzten Lichtung, dort dann an der Bank unbedingt nach links. Wir lassen die Köpfe hängen, bevor Frauke S. die passende Wortwahl für diese Situation über ihre liebevollen Lippen kommen: Schwamm drüber. Astrid H. ergänzt wortgewandt: Jawoll. Zu unserem großen Glück hat Schneiderin Astrid ihren Ariadnefaden von Köln bis hierher gespannt, sodass wir relativ leicht zurückfinden. Dennoch müssen wir durchs Unterholz des die Talsperre umsäumenden Waldes und wähnen uns ein ums andere Mal auf dem „Unterholzweg“. Sogar dieser vorzügliche einer Salve von aufmunternd gemeinten, aber zu platten Wortwitzen trägt kaum zur Erheiterung bei, zu anstrengend ist einfach der Weg durchs Gestrüpp bei mangelhafter Beschilderung. 12.48 Uhr Als wir die Dhünntalsperre überqueren treffe ich auf vier auf der Bank sitzende ältere Herren, die sich ihre wohlverdiente Pause vom Radfahren gönnen. Ich bin gerade an ihnen vorbei, als einer von ihnen über seine Schulter ruft: „Sie haben aber schwer zu tragen, oder?“ „Naja, haben wir das nicht alle?“, höre ich mich das Schild abstellend zurückfragen. Es entsteht ein insgesamt eher zustimmendes Gemurmel in die Frage mündend, ob man das Schild mal hochheben und probetragen könne. Dabei fährt es aus Pitt heraus: „Der ist bekloppt!“. „Es gibt doch auch nette Bekloppte“, ergänzt einer seiner Banknachbarn. „Wollen Sie etwa auch ein Stück Pflaumenkuchen?“, werde ich nach einer sehr angenehmen Plauderei über „Sinn und Unsinn von vordergründig Unsinnigem“ gefragt, ich nehme selbstverständlich hocherfreut alle an und höre die anderen sagen, dass Klaus doch sowieso noch nie Pflaumenkuchen dabeigehabt habe, so dass der Verlust nicht so schwer wiege. „Wir haben ja auch noch nie einen Mann im dunklen Anzug auf dem Weg nach Berlin mit einer so schweren Frage über der Schulter gesehen“, ergänzt Karl-Heinz. Ob das eine Wahlkampfveranstaltung sei, will einer der pausierenden Radfahrer wissen, bevor ein anderer fragend ergänzt: „Sind sie Philosoph oder Pfarrer oder sowas?“ Ich ergänze, dass das doch nicht so wichtig sei, wichtiger sei, dass wir uns alle mit der Frage auseinandersetzten, ob es sinnvoller ist, den Weg des geringsten oder den des größten Widerstandes im Leben einzuschlagen. „Der größte Widerstand könnte die größte Erkenntnis beinhalten, dessen Geheimnis sich aber niemals zeige, wenn der Mut fehle, den Widerständen entgegenzutreten. Das sei gerade die entscheidende Frage“, höre ich Pitt sagen, der uns noch wertvolle Tipps für die Fortsetzung meines Weges gibt. Gehen Sie über den Unterberg, dann über Mittelberg, bevor der Oberberg näherkommt, da sind die geringsten Widerstände. Schon vor dem Unterberg bilden jedoch Forstarbeiten die nächste Hürde, die es mit einem Umweg und mit dem Schild durchs Dickicht kriechend zu überwinden gilt. Entkräftet und pausierend im Dickicht liegend, behauptet plötzlich der über mir stehende Holunderbusch: „Schwamm drüber!“ Und das ich jetzt gleich nach links weitergehen solle, dort werde ich auf jemanden treffen, der mir den richtigen Weg weise. Etwas überrascht über meine übersinnliche Erfahrung, folge ich der Anweisung, um kurz hinter der nächsten Biegung auf den heute morgen am Frühstücksei hängen gebliebenen Dirk T. zu treffen, der behauptet, ein Holunderbusch hätte zu ihm gesagt, er werde hier auf jemanden treffen, dem er den Weg zu weisen habe. Überrascht über diese übersinnliche Erfahrung hätte der Holunderbusch noch: „Schwamm drüber!“ gesagt, sodass er der Anweisung Folge geleistet hätte, um kurz hinter der nächsten Biegung auf mich zu treffen, der behauptet, ein Holunderbusch, hätte zu ihm gesagt, … Wir kommen nicht heraus aus dieser wundersamen Schleife, deshalb breche ich den Bericht hier besser ab. Allerdings sei noch kurz erwähnt, dass wir heute unterwegs eine Befestigungsschraube des Schildes am Rohrpfosten verloren haben müssen. Diesen Umstand bei unserer nächsten Herberge in Dünn schildernd, ist schnell das gesamte Dorf auf den Beinen und in Aufruhr, um dem seltsamen Mann mit dem seltsamen Schild zu helfen. „Ihr habt doch ‘ne Schraube locker!“, rutscht es unserer Wirtin heraus. „Prost“, schallt es daraufhin aus allen trockenen Kehlen nach soviel Irrungen und Wirrungen, Wegen und Umwegen des heutigen Tages. Kommentare: Helmrock um 20:56 Uhr: Die Hund ist lässig.
