1. September
Jörg van den Berg lebt

Als ich am frühen Morgen mit meinen Lieblingsnachbarn Brigitte und Martin zu ihrer Garage gehe, um das bei ihnen deponierte Straßennamenschild zu schultern, stehen zu meiner großen Überraschung tatsächlich vier offenbar wanderwillige Begleiter gegenüber am Straßenrand und winken in freudiger Erwartung. Hatte ich nicht extra am 31.08.21 spät abends um 23.07 Uhr eingeladen, damit auch wirklich niemand auf die Idee kommt, am folgenden Morgen in aller Herrgottsfrühe den Tagesmarsch mit in Angriff zu nehmen. Zu allem Überfluss steht neben den Unentwegten Frauke S, Astrid H., Achim K. und Dirk T. auch noch der mir bestens vertraute Museumsdirektor des Schlosses Morsbroich, Jörg van den Berg inmitten der Gruppe. Als ich nach Jahren seines, sein Umfeld zumeist ratlos und wenig informiert zurücklassenden Umherirrens durch den undurchsichtigen Museums- und Kulturbetriebsdschungel vor etwa ebenso langen Jahren seine Vermisstenanzeige aufgab, worauf andere wiederum öffentlich sein kürzliches Ableben diskutierten und betrauerten, stand der Leibhaftige nun heute morgen tat- aber eigentlich nebensächlich vor mir, denn es sollte ja heute nur endlich losgehen (Gestern noch glaubte ich, dass der heutige Tag niemals kommen werde, nun war es doch so weit). Der offensichtlich Auferstandene schnappte sich jedenfalls, zur Überraschung aller, das Straßennamenschild, um mit diesem geschultert und seinem Hund im Arm davon zu eilen. Nach 150 Metern am Eingang des Deutzer Friedhofs angekommen samt Hund und Schild, Schild und Hund, konnte der Fliehende von den mir bestens vertrauten Friedhofswärtern jäh gestoppt werden. Die Wärter sicherten van den Berg und das Schild mit der Begründung, das Hunde das Friedhofsgelände nicht betreten dürften. Wie der Museumsleiter nachher zu Protokoll gab, wollte er das Schild nur für den Skulpturengarten seines Museums sichern… Schließlich konnte die erste Etappe des Wegs des geringsten Widerstandes trotz des Überraschungsmanövers doch noch beginnen, wenn auch mit leichter Verspätung. Nach etwa 2,5 Stunden in der Bergisch Gladbacher Paffrather Straße überholt uns ein arabischstämmiger Fahrradfahrer mit der Frage, ob er gerade Jesus begegnen würde? Auf die etwas ungenaue Antwort von Frauke S.: „So ähnlich!“ tritt er plötzlich mit den Worten: „Wusste ich’s doch, ist so’ne Jesussache“, schneller in die Pedale. Wenige Minuten später gönnen sich Frauke S. und ich (die Gruppe hat sich wegen der ungeahnten Anstrengung auf den bisher 13 Kilometern über die Strecke verteilt) eine kleine Pause, lehnen das Schild über einen ziemlich ramponierten Gartenzaun und lehnen uns vorsichtig an denselben, damit der Hausbesitzer unverzüglich, unmittelbar und sofort aus seinem Haus und im Schlafanzug auf uns zugeschossen kommt mit der Frage im Gepäck, ob wir ihn verarschen wollen? Leicht irritiert von soviel Aggression verlegen wir uns aufs genauso irritierte Schauen. Er schiebt die Frage hinterher, was das hier sei und wiederholt gebetsmühlenartig: „Wollt Ihr mich verarschen?“ Ich antworte, dass es sich hier um eine Kunstaktion handele, worauf er sich wütend mit den Worten: „Da kann man doch wenigsten mal bei mir nach fragen“ abreagiert. Ich erwidere freundlich, dass ich schlecht jeden, bei dem ich vorm Haus herlaufe, um Erlaubnis fragen könne. Abwinkend verlässt er seine Vorgartenszenerie und geht zurück ins seinen persönlichen Zustand wiedergebende Haus. Zum Ausgleich erscheint gegen Mittag die wundersame LaMara vor uns, die von der Aktion gehört hat und uns mit ihrer Gesellschaft, aufmunternden Gesprächen und einem Kaffee beglückt. Neben vielen anderen Wundern in ihrer Gegenwart löschen aus 7 Kaffeebechern etwa 250 Kehlen ihren Durst. Ihre Begleitung auf den nächsten 2 Kilometern beflügelt uns und trägt uns bis ins Oberbergische, als sich endlich nach 25 Kilometern in Bechen angekommen, Stephan H. für eine Weile der Wandergruppe anschließt. Er bedankt sich stellvertretend (für wen, wissen wir nicht) für diese Aktion, nachdem wir ihm mitgeteilt haben, dass wir beabsichtigen, das Schild zur Bundestagswahl am 26.09.21 nach Berlin zu bringen mit den Worten: „Was für ein Kreuzweg!“ - ob Jesus lebt, sei dahingestellt, das Jörg van den Berg lebt, weiß ich jetzt …
