25. September 2021
Heidewitzka

Ich erreiche Berlin von Spandau aus und gerate gegen 12 Uhr in eine von einem übergroßen Polizeiaufgebot begleitete Demonstration. Der gesamte Zug wird permanent von der Polizei beschallend daran erinnert, dass die Maskenpflicht von den Demonstrationsteilnehmern unbedingt eingehalten werden müsse, während in den beide Straßenseiten säumenden Cafés und Restaurants die Leute viel dichter aufeinander hocken, ohne besagten bzw. beschallten Mund- und Nasenschutz. Die Polizei droht, die Demonstration bei Nichteinhaltung des Gebotes sofort aufzulösen, die Cafés und Restaurants jedoch nicht. Ich bin etwas zu spät dran, so dass ich „nur“ am Ende des Zuges mit der Polizei mitlaufen kann. So fühle ich mich zum ersten Mal seit beinah 600 Kilometern „rundum sicher und geschützt“. Die Demonstration läuft vom Breitscheidplatz Richtung Ernst-Reuter-Platz. Später treffen wir auf Anette, die über ihre abonnierten Telegramkanäle von einem Typen gehört haben will, der von Köln mit einem Straßenschild bis nach Berlin vor den Reichstag läuft: „Das bist doch wohl nicht Du? In diesen Klamotten? Das gibt’s doch nicht. Kann ich ein Foto machen? Das ich Dich hier jetzt auch noch treffe.“ Ich passiere die Siegessäule, alles ist wegen des Berlin-Marathons abgesperrt, so dass ich den Reichstag erst am späten Nachmittag erreichen werde. Ich werde allerdings in so viele Gespräche über Sinn und Unsinn dieser Aktion verwickelt, dass ich manchmal nicht vom Fleck komme und wohl doch erst morgen vor dem Reichstag stehen werde. Eine Gruppe, auf einer Bank an der Siegessäule sitzend, hofft, dass ich wenigstens per Briefwahl gewählt habe, da ich ja den gesamten September offenbar “Besseres” zu tun gehabt hätte. Ich frage im Gegenzug, wie oft sie denn in ihrem Leben bereits ihre Stimme abgegeben hätten, damit jemand anderer vor ihrer Haustür kehrt. Die Nachdenklichkeit geht im Gelächter über das Straßenschild, das ich mühsam aus dem Weg räumen muss, da ein Fahrradfahrer mit hoher Geschwindigkeit nicht freiwillig ausweicht, unter. Eine ältere Dame beschwert sich außerdem leise, aber hartnäckig, dass die Aktion viel zu wenig zielgerichtet sei: „Das erreicht die Menschen doch gar nicht, wenn Sie doch wenigstens mal einen Hinweis geben würden, worum es Ihnen wirklich geht. Für welche Partei sind Sie denn? Sind Sie denn jetzt für Klimaschutz oder dagegen? Sind Sie für die Corona-Maßnahmen oder dagegen? Man erfährt ja nichts!”, bedauert Sie das, ihrer Meinung nach, mangelhafte Bild. „Die Menschen können Ihre Aktion doch gar nicht verstehen, bei so wenig Information“, behauptet sie. Ich weise daraufhin, dass ich niemandem meine Meinung bzgl. irgendwelcher tages- oder legislaturperiodischen politischen Agenden irgendwelcher Parteien aufzwingen wolle, aber immerhin an eine ausführliche Auseinandersetzung mit sich selbst anhand der Frage, welchen Weg die Menschen denn im Leben bisher gegangen sind, erinnern möchte. Dafür sei der visuelle Widerspruch des Anzugträgers, der den Schriftzug auf dem Straßenschild mühsam mit sich herumträgt, ganz passabel. Immerhin käme ich doch auf diese Weise mit Ihr ins Gespräch. So könne sich doch möglicherweise über die momenthafte Begegnung hinaus ein tiefes Interesse am Gesamtbild der gegenwärtig komplexen persönlichen wie gesellschaftlichen Situation entwickeln. Insgesamt seien dazu aber viel tiefere Klärungsprozesse notwendig, wie z. Bsp. die Beschäftigung mit den eigenen Traumatisierungen… Sie bricht das Gespräch abrupt mit der Bemerkung ab, sie müsse jetzt doch nach Hause, denn morgen müsse sie ja zur Stimmenauszählung. Später treffe ich auf Monika, die sich, nachdem sie einige Informationen über den Weg des geringsten Widerstandes aufgenommen hat, öffnet und schildert, dass sie in kurzer Zeit zwei für sie wichtige Menschen im Leben verloren hat und plötzlich fragt, ob sie das Kreuz nicht eine Weile tragen könne? So überlasse ich ihr selbstverständlich, aber zum ersten Mal überhaupt jemand Anderem auf dieser Reise den Weg des geringsten Widerstandes. Beim mühsamen Schleppen ihres Wegs des geringsten Widerstandes erklärt die insgesamt so schüchterne und zurückhaltende Monika, sich plötzlich und unvermittelt öffnend, dass die Menschen endlich aufhören müssten, in der Lüge zu leben. Es sei vielleicht schwer, wahrhaftig, ehrlich und nur treu sich selbst gegenüber zu sein, aber die Krisen, die wir gerade erleben, seien insgesamt darauf zurückzuführen. Sie sei aber trotz der vielen Krisen hoffnungsfroh und bemerke in ihrem Umfeld viele Trennungen, weil eben bisher nur der eine oder die andere an persönlicher Entwicklung interessiert sei. Der Lebensweg könne dann nicht mehr gemeinsam fortgesetzt werden. Das sei aber insgesamt sinnvoll. Am Ernst-Reuter-Platz verabschieden wir uns voneinander und bedanken uns für die gegenseitige Unterstützung. Ich nehme so viele Umwege in Berlin in Kauf, es ist alles abgesperrt, wegen des um das Regierungsviertel stattfindenden morgigen Marathonlaufes und der vielen Demonstrationen. Ich passiere viele Polizeiposten, manche erkundigen sich nach dem Weg des geringsten Widerstandes, der nun morgen aller Voraussicht nach enden wird, … Kommentar von Nikola um 8.16 Uhr: Du bist/Ihr seid fantastisch! Ich sende Deinen Füßen eine große Portion Geschmeidigkeit und lasse kleine flinke Elfen Deine Nackenmuskeln massieren, während Du noch ein bisschen weiter gen Osten stapfst (hoffentlich kitzeln die nicht). Liebe Grüße an alle Mitwanderer
