24. September 2021
Tina

Heute laufe ich mit Frauke S. von Ketzin in Richtung Spandau. Es sind 33 Kilometer, erneut viel zu viel für meinen Zustand. Mein Rücken hat sich zwar längst an die Dauerbelastung des Rohrpfostens auf der Schulter gewöhnt. 25 Kilometer am Tag abzulaufen, stellt sich inzwischen auch nicht mehr als großes Problem dar, trotzdem sehne ich das Ende dieser täglichen Belastung herbei. Die konzentrierte Nahrungsaufnahme ausschließlich zu Beginn und zum Ende eines jeden Tages, fördert zusätzliche Probleme zu Tage. Es bleibt zudem keine Zeit für andere Aspekte des menschlichen Seins, der Mangel an Regeneration und nötiger Ruhe, um neue Kraft schöpfen, werden immer weiter nach hinten verschoben, bis ans Ende der Reise und bringt mich wie die Mitwandernden oft an die mentalen Grenzen der Belastbarkeit. So schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel, damit uns Unterstützung zu Teil werden möge, als prompt ein Transporter neben uns eine Vollbremsung macht, die Fahrerin ihre Seitenscheibe herunterfährt und fragt, warum wir ein Schild mit uns herumtragen? Ich antworte zu Ihrem Erstaunen, das wir es nach Berlin bringen und in Köln vor 24 Tagen losgegangen sind. Ihr Mund öffnet sich, sie kann aber nichts sagen und überlegt ungläubig, einen Moment innehaltend, ob wir nicht alle Tassen im Schrank haben oder ob wir eher interessante Verrückte sind, bevor dann aus Ihr herausbricht: „Los, sofort einsteigen, ich bring Euch ein Stück.“ Die Wahl, vor die sie uns nicht gestellt hat, nehmen wir gerne und hocherfreut an. Wir verstauen das Schild kurzerhand im Familientransporter, steigen hinten ein und setzen uns auf die fest montierten Kindersitze. Sie behauptet, dass sie mit Ihrem Transporter sonst ihre 5 Töchter, 2 Pferde und 5 Hunde transportiert. Der Wagen sei so groß, dass sogar, auch wenn alle an Bord sind, der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden könne, witzelt sie. Aber sie sei ja sowieso geimpft. Also alles paletti und die Reise könne losgehen. Wir sitzen auf den Baby- und Kindersitzen und erklären nochmals unser Vorhaben, am heutigen Tage Spandau erreichen zu wollen, was sie in wenigen Worten kommentiert: „Klappt nicht, ist zu weit“. Sie arbeite in Berlin, sei zwar im Homeoffice, aber um dorthin zu wandern, reiche ein Tag nicht aus, sie würde uns also fahren. Wir müssten nur kurz bei Ihr zuhause vorbei, um einen Kaffee mit Ihr zu trinken, dann ginge es schnellstens weiter. Aus Schnellstens werden angenehme zwei Plauderstunden, dafür werden wir 10 Kilometer bis nach Dallgow-Döberitz gefahren, weil Tina beim dortigen Billigklamottenladen einkaufen will. Wir haben in der Zwischenzeit ihre 5 Hunde und 3 Welpen bestaunt, ihre 2 Pferde gestreichelt und mit ihrer jüngsten Tochter im Alter von 9 Monaten gespielt. Wir erfreuen uns an der kommunikativen Gastfreundschaft von Tina und staunen über das von ihr entworfene und selbstgebaute Haus, ihren Vorrat an Schokokeksen und die Kraft, mit der sie das alles stemmt. Sie erzählt viel mehr, als mein Verstand aufnehmen, mein Erinnerungsvermögen und diese Zeilen wiedergeben können. Dennoch bleibt neben einer Welt voller Lebewesen, die freud- und liebevoll von ihr versorgt werden wollen in meinem Gedächtnis hängen, wie viele in ihrer Umgebung an Corona erkrankt gewesen sind, und dass etliche einen schweren Verlauf ertragen und einige bleibende Schäden erdulden müssten. Darunter musste jemand das Gehen neu erlernen, ein Freund musste das Sprechen wieder lernen. Man hätte sie allesamt beatmen müssen, um überhaupt zu überleben. Beeindruckt steigen wir, als die Keksvorräte zur Neige gehen, in Ihren Transporter und erreichen nach 20 Minuten ihr anvisiertes Ziel, den Billigklamottenshop in Dallgow-Döberitz, wo unser Fußmarsch durch den Döberitzer Park nach Spandau weitergehen soll. Der Zeit-und Streckengewinn durch die Unterstützung von Tina wird zunächst wieder ausgeglichen, indem wir drei Kilometer in die falsche Richtung zurücklaufen, ohne diesen Umstand zu bemerken. Wir machen kehrt und wie um die Informations- und Kommunikationskaskade von Tina auszugleichen, wird für den Rest der Wanderung geschwiegen. Wir treffen keine Menschenseele, außer einen Jogger mit Hund, der beim Versuch, den Vers auf dem Schild in vollem Lauf zu lesen, stolpert, ins Straucheln gerät und etwas unsanft über die eigenen Füße fällt, aber dennoch unverletzt bleibt. Als der Jogger seinen Sturz verdaut, der Hund ihm die Hand reicht, um wieder auf die Beine zu kommen, des Läufers Glieder streckend entweichen diesem folgende Zeilen: Willst Du der Welten Lauf durchdringen Halte inne in und schau Kannst Du Erkenntnis nicht erzwingen Hör den Hunden zu: Wau-Wau „Bravo!“, entfährt es Frauke S., der Hund macht vor Freude im Genitalbereich Männchen und es gibt Standing Ovations vom ortsansässigen Damwild, das sich bisher zurückhaltend im Unterholz versteckt hielt und jetzt lauthals nach einer Zugabe verlangt. Es scheint sich bereits herumgesprochen zu haben, dass Verlegen- und Unsicherheitsgesten wie Ratlosigkeit mit Reimen ganz gut überspielen kann. Wir müssen allerdings, die drohende Zugabe nicht ignorierend, schnellstens weiter, denn abends wird zur Strategiesitzung im Spandauer Grunewald geladen, dass zunächst feuchtfröhlich auf „etwas später“ verschoben wird, um dann ganz auszufallen. Allerdings sind einige Vorschläge für die Abschlussveranstaltung des Wegs des geringsten Widerstandes am Sonntag, den 26.09.21 um 18 Uhr vor dem Reichstag eingegangen, die dringend an- und durchgetrunken werden müssen. So schlägt der hauptberufliche Humorist und nebenberufliche Witzbold Achim K. vor, es werde am Sonntag vor dem Reichstag öffentlich verkündet, dass der „Rückweg des geringsten Widerstandes“ im Rückwärtsgehen vom Reichstag bis vor meine Kölner Haustür führe. Der telepathisch zugeschaltete Gefährte Dirk T. behauptet, ein angemessener Abschluss des Projektes wäre doch das öffentliche Wechseln meines Hemdes, dass ich seit nunmehr über drei Wochen ununterbrochen und ungewaschen trage. Das wäre längst überfällig und er hätte schließlich deswegen diese Reise abbrechen müssen. Aber er wolle mir natürlich nicht ins Hemd machen oder anderswie zu nahe treten. So wird hitzig und fraktionsübergreifend bis tief in den Morgen basisdemokratisch weitergetrunken und diktatorisch abgestimmt, bis der Kellner sagt, es kommt sowieso, wie ich es sage: Zahlen!
