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23. September 2021

Rote Rosen aus Ketzin

Rote Rosen aus Ketzin

Heute stürmt’s. Vor dem Dom in Brandenburg an der Havel nutzen am frühen Morgen einige Menschen die Gelegenheit, dem Mann im dunklen Anzug auf dem Weg des geringsten Widerstandes ihre Hoffnungslosigkeit, die politischen Verhältnisse betreffend, anzuvertrauen. So finden wir im langen Gespräch und nach vielen emotionalen Schieflagen über Trauer und Wut irgendwann zurück zu der Hoffnung, dass diese große Krise die Menschen einen möge, so dass sich „echte“ Gemeinschaften bilden, in der man sich wirklich aufgehoben fühle und füreinander da sei. Das Lagerfeuer könne den Fernseher ersetzen und die Menschen könnten sich wieder Geschichten erzählen, anstatt sich diese von einer Apparatur erzählen zu lassen. Die Sorge, den Versorgungsmangel nicht ausgleichen zu können, weicht zusehends dem Mut, das Leben endlich wieder selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Von Brandenburg an der Havel bis nach Ketzin laufen wir über 15 Kilometer die Deichkrone entlang, das Schild wiegt hin und her, ich habe Probleme, den böigen Wind auszugleichen: Das Wetter entspricht der polarisierten Stimmung im Land. Starke Böen wechseln mit Momenten der Windstille, bevor das Schild vom nächsten Windstoß wieder mitgerissen wird und mit ihm der Schildträger. Genau wie jedes sensible Gespräch auf den bisherigen 470 Kilometern genau auf den Adressaten abgestimmt sein muss, werde Ich, permanent die Kräfte des Windes ausgleichend, gehalten, dem schwierigen Untergrund gerecht werdend, jeden Schritt bewusst zu setzen. Dadurch schmerzen meine Hüftgelenke, genau wie mein Kopf von den oft schwierigen Dialogen. Wir treffen auf zwei belustigte Hausbootreisende. „Wir sind auch Bekloppte, wir leben auf einem Hausboot“, behauptet der sympathische Mann mit grauem Zopf und Vollbart. „Heute wird der Sturm noch stärker, bis zu 70 Kilometern pro Stunde, es wäre gut für Euch, schnell nach Ketzin zu kommen“, empfiehlt er uns. So nehmen wir die Beine und das Schild in die Hand, so gut es geht. Am Hausboot der beiden vorbeikommend, sehen wir, dass das Dach einladend über und über mit Sonnenblumen bewachsen ist. So gern würden wir mitfahren, also warten wir eine gute halbe Stunde, allerdings vergebens, ihre Rückkehr scheint zu dauern. So setzen wir unseren schwierigen Marsch fort und laufen die Deichkrone weiter entlang bei immer stärker werdendem Wind. Wir erreichen schließlich Ketzin und beabsichtigen, uns im örtlichen Supermarkt mit etwas Gebäck zu versorgen, als wir versehentlich in ein rosenverteilendes Wahlkampfteam einer Partei mit drei Buchstaben einer örtlichen Kandidatin stolpern, die sich den Supermarktkunden für den Bundestag empfiehlt. Ich stelle mich mit dem Schild neben einem der Wahlkampfhelfer auf und richte das Schild für die irritierten Supermarktbesucher so aus, dass man den Schriftzug lesen kann. Der Wahlkämpfer zu meiner Linken fragt nach einem langen Gedankenstrich etwas ratlos, was das hier zu bedeuten habe. Mir fällt nix ein, also versuche ich einen Reim: Oh rote Rose Blühe fein Lass mein Gewissen Gewissen sein Treib mir nur die Stimmen ein Lass alles andere Andere sein Nur der Erfolg, der zählt Egal wer wählt. Nach einer kurzen Pause, um das Gehörte in unser Bewusstsein einsickern zu lassen, fragt das männliche Parteimitglied: „Und jetzt?“ „Weiß auch nicht“, erkläre ich. „Was hat es mit dem Schriftzug auf sich?“ möchte es wissen. „Ich gehe den Weg des geringsten Widerstandes“, erläutere ich und frage ihn freundlich lächelnd und wohlwollend unaufgeregt, welchen Weg er im Leben eingeschlagen habe. Er erläutert sympathisch, dass er vor 30 Jahren voller Enthusiasmus und Veränderungswillen in die Partei eingetreten sei und er wahlkämpfe immer noch für die gleichen Ziele von damals, nämlich, um für die Einkommensschwächeren unserer Gesellschaft einen angemessenen Mindestlohn zu erwirken. Bei der Repetion dieses Parteipolitischen Programmes schleicht sich ein tiefliegender Ton von Aufgesetztheit, Auswendigerlerntem und Unaufrichtigkeit in die Körpersprache und den Klang der Stimme. Etwas ungläubig dreinschauend das soeben Gehörte betreffend, berichte ich daraufhin über meine Beobachtungen auf der Wanderung quer durch das Land und zitiere einen ehemaligen seiner Parteigenossen, der mir vor ein paar Tagen in der Sachsen-Anhaltischen Provinz ein paar offene Worte schenkte: „Die Menschen haben der Politik längst das Vertrauen entzogen bei der Anzahl der laufenden Korruptionsskandale und fragwürdigen Entscheidungen, die die Menschen nur noch in privatwirtschaftliche oder in staatliche Abhängigkeiten führt, was inzwischen dasselbe ist, zuhause einsperrt, ihnen einen Maulkorb verpasst und soziale Zentren, wo Meinungsbildung und Informationsaustauch möglich wäre, nicht mehr finanziert.“ Meine Beobachtungen stünden also insgesamt in maximalem Gegensatz zu seinen soeben geäußerten Absichten. Ich versichere, mir gehe es überhaupt nicht um Parteien, Parteienspiele und Programme, sondern darum, die Menschen insgesamt zu ermutigen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, statt diese irgendeiner Partei oder anderen Institutionen anzuvertrauen. Die Ohnmacht der Menschen sei inzwischen so groß, den Menschen gehörten doch ihre Dörfer und Städte längst nicht mehr, da nur noch große Handelsketten, Konzerne und Franchisekonzepte das lokale Bild überregional prägen und die Geschicke und Belange der Menschen komplett bestimmen würden. „Dafür sind die Bürger doch selbst verantwortlich“, hakt der Lokalpolitiker ein, der vor dem Supermarkt eigentlich weiter rote Rosen verteilen soll. „Sie sollten halt nicht mehr bei Amazon bestellen, sondern zu den lokalen Händlern und in die kleinen Läden gehen, wo sie ihre Mitmenschen auf diese Weise doch gut unterstützen könnten.“ „Aber sagt Ihr das den Leuten auch?“, wende ich ein, als sich ein leicht schmächtiges Männlein zu uns gesellt, das offenbar von der Geschäftsleitung beauftragt wurde, nach der Genehmigung für meinen Aufenthalt vor dem Supermarkt zu fragen. Mir fällt nix mehr ein, also versuche ich wieder einen Reim: Ich stehe hier nur auf ein Wort Das führe ich jetzt einfach fort So möge, oh Du edle Macht Der Geschäftsführung ohne Niedertracht Mein Grüßlein überbringen So dass die Leitungen höher schwingen, die Beleg- und auch die Kundesschaft sich labt an Eurem Liebessaft „Äh, …?“, äußert sich der Angestellte verständnislos. Ich gebe dann zu, dass dieser Reim etwas verunglückt sei, allerdings sei der Vorherige besser gewesen, dass könne der Wahlkampfhelfer zu meiner Linken doch bestimmt bestätigen. Der bestätigt gar nichts, blickt nur ratlos zu seiner wahlkämpfenden Bundestagskandidatin und kratzt sich am Kinn. So muss ich andere Geschütze auffahren und begegne dem Fragendem mit der Frage: „Seit wann man denn für ein Gespräch eine Genehmigung benötigt?“. Er behauptet, ich sei doch bestimmt eine Veranstaltung und für Veranstaltungen benötigt man eine Genehmigung und nach dieser solle er nun fragen. Ich versichere ihm, dass es sich in meinem Fall um einen Menschen und nicht um eine Veranstaltung handeln würde, dass er der Geschäftsleitung doch meine allerbesten Grüße ausrichte, diese könne sich gern selbst von meiner Menschlichkeit überzeugen. Und falls das nichts mehr gelte, ich könnte sehr bald sogar zu einem Kunden aufsteigen. Ich würde es aber zunächst mal vorziehen, dieses Gespräch hier so lange zu führen, wie es den darin vorkommenden Themen, meinem Gesprächspartner und mir entspräche. „Ich gebe das dann so weiter“, entfernt sich der Supermarktmitarbeiter wieder aus dem Gespräch. „Die Leute müssen sich schon selbst engagieren und ihre eigenen Leute in ihrer Stadt unterstützen“, fährt der Politiker fort und kommt so zum letzten Punkt unseres Gesprächs zurück. „Ach so, ich dachte, die sollten nur wählen und solche Fragen in Eure Hände legen. Zumindest die überall präsenten Wahlplakate versprächen doch genau dies in Slogans wie „Für Euch in den Bundestag“, „Eure lokalen Interessen bei globaler Verantwortung“ und „Deine Stimme im Bundestag“ usw., das wären also nichts als hohle Versprechen? „Die Politik kann nichts dafür, dass die Leute lieber bei Amazon bestellen als in ihrer Stadt einkaufen gehen“, besteht er auf seinem Standpunkt. „Warum sind die Steuern auf Großkonzerne so gering, dass kleinere nicht überleben können und in den sauren Apfel beißen müssen“, frage ich dann weiter freundlich, aber bestimmt. „Das ist jetzt aber Bundespolitik“, behauptet er sich irgendwie aus der Verantwortung stehlend, worauf sich ein seltsam graues Trübsal zum Trübsinn des Wahlkampfteams gesellt und sich insgesamt über den Supermarkt legt. Es wird merklich dunkler und grauer, die Farben des Himmels entsprechen langsam dem Anthrazitgrau meines Anzugs, die Wolken verdichten sich, bis säuerlicher Regen herab tröpfelt, der die roten Rosen verblassen lässt, bis diese ihre Köpfe hängen lassen, genau wie das Schild, als ein Regenschauer in diese Szene hinein prasselt und das Gespräch stoppt. Das Wahlkampfteam packt hastig seine sieben Sachen, ich das Schild. Die Geschäftsleitung erscheint nicht, ich bin zu keinem Kunden geworden. Alle verziehen sich dahin, wo sie hergekommen sind. Nur ich muss morgen weiter nach Berlin. Da hilft auch kein Reim.