22. September 2021
In deutschen Landen, aber wem gehören die eigentlich?

Morgens wache ich wie gewohnt früh auf, streife nach einer gewohnt schnellen Katzenwäsche wie gewöhnlich mein Kostüm über und verlasse wie immer frohen Mutes und in freudiger Erwartung mein Nachtlager, um wie üblich früh auf meinen Weg zu kommen, schnell meinen Rhythmus wieder und “in die Spur” zu finden. Am heutigen sonnigen Morgen führt diese zunächst von der kleinen Datsche auf dem Plauener Campingplatz am See direkt in benachbarte Selbstversorger, die, wie sie angeben, dauerhaft auf dem Campingplatz leben, selbstgemachten Honig verkaufen, selbstgebackene Teigwaren anbieten, frische Fische fangen, räuchern und für kleines Geld feilbieten. So nehme ich so viel Reiseproviant auf und mit, wie in meine Taschen passt und verabschiede mich respektvoll von den beiden liebenswerten Eigenbrötlern. Bei so viel Freude ums Selbermachen wird mir warm ums Herz. Frauke S., Achim K. und Astrid H. geht es eben so, sie haben sich ab heute angeschlossen, um die letzten Etappen bis nach Berlin komplett mitzulaufen, was mich sehr beflügelt, Wind auf das Schild gibt und den manchmal stotternden Motor in den strapazierten Hüftgelenken ölt, so das ich meine, gerade erst losgelaufen zu sein. Nur meine Füße schmerzen ein bisschen, aber sei’s drum. Bei diesen Strapazen hilft eben nur ein Biss auf die Zähne, später einer auf die Zunge, am Abend einer ins Gras, aber der Reihe nach. Ein paar Schritte weiter treffe ich auf zwei Rentner, die ebenfalls dauerhaft auf dem Campingplatz leben, ihren Vorgarten mit Geranien geschmückt und den Grill schon mal vorgeglüht haben. Sie reagieren überaus erheitert auf den durch ihren Vorgarten getragenen Schriftzug und witzeln in Ruhe und Gelassenheit eines erfüllten Lebens über die Frage nach dem Weg des geringsten oder des größten Widerstandes. Sie staunen über die zurückgelegte Entfernung und müssen erstmal diese unerwartete Begegnung verdauen, die so viel Tiefgang bei Ihnen auszulösen scheint. Dennoch erklären Sie, dass es die Möglichkeit gebe, mit dem Boot über die Wasserstraßen bis nach Berlin zu reisen, das Sie hiermit auch ausdrücklich anböten. So fange ich an zu träumen von diesem erleichternden Angebot, bis sie mich daran erinnern, dass es ja bei meinem Projekt in erster Linie um die Begegnung mit vielen Menschen und den Austausch von Lebenserfahrung, Weisheit und Erkenntnissen gehe. So danke ich für die Erinnerung an meinen eigentlichen Auftrag, den ich manchmal über die meinen Weg erleichternden Angebote zu vergessen scheine. Die beiden Rentner genießen die Sonne am frühen Morgen so sehr, geben sie zu verstehen und wünschen zum Abschluss einen guten Weg nach Berlin. Auf diesem Campingplatz spürt man den guten Geist des großen Vertrauens ineinander, der Selbständigkeit der Gäste und des Freiraums auf der den Gästen überlassenen Parzelle innerhalb einer von der Leitung des Platzes ausgestrahlten Großzügigkeit. Der Campingplatzälteste stellt sich dann auch noch vor, auch er strahlt vor Lebensfreude und Vitalität im Alter von “seinen jungen 85 Jahren”, wie er sagt. Die Strecke heute verläuft am See entlang, später vorbei an Schwärmen von Wildgänsen und wilden Kormoranen über Stock und Stein auf wenig betretenen Pfaden. Immer wieder führt der Weg über kleine und stille Campingplätze, auf denen die Camper die Naturverbundenheit und die Ruhe zu genießen scheinen. Ungewöhnlich viel Heiterkeit und Frohsinn bekomme ich zu spüren als Reaktion auf das ungewöhnliche Erscheinungsbild in Kostüm und mit Ballast. Mich befällt ein Lächeln, das ich den gesamten Tag über nicht mehr loswerden sollte vor lauter Beschwingtheit der mir begegnenden Mitmenschen. Das lindert den schmerzlichen Verlust des Weggefährten Dirk T.: “Nichts hält ewig, außer der Wandel”, rufen mir in dem Moment die Fischer am See zu, als ich “Das Wandeln ist des Müllers Lust” vor mich hinsinge, die hell- wie umsichtig behaupten, heute sei ein guter Tag zum lustvollen Angeln von “Forelle Müllerin”, damit seien aber nicht ihre Frauen gemeint, auch wenn einer von Ihnen tatsächlich denselben Nachnamen trage. So werde ich zum Abendessen eingeladen, muss aber leider absagen, was auf Verständnis stößt, nachdem ich einige Worte der Erklärung verliere. Unterwegs wird mehrfach der Daumen hoch gezeigt aus vorbeifahrenden Autos, jemand hält extra auf offener Straße an, um eines Gespräches Willen über Absichten, Ziele und Beweggründe des Wegs des geringsten Widerstandes. Am späten Nachmittag erreiche ich Brandenburg an der Havel, als ein Vespafahrer, der gerade an uns vorbeifährt, noch mal dreht und in der nächsten Einfahrt anhält, um zu fragen, wie es zu dieser Aktion mit dem Straßenschild komme. Ich erläutere erneut meine Freude, die Menschen auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn es für mich einen beschwerlichen Weg bedeute. Es treibt Torsten ein Lächeln ins Gesicht, er stellt sich als Mitinitiator von „Brandenburg steht auf“ und es entsteht ein Gespräch über viele Aspekte des Lebens, in denen der Mensch nicht mehr Herr über seine eigenen Entscheidungen ist. Er weist uns auf die auf dem Straßenbelag um die Ecke in der Klingenbergstraße geschriebenen Texte hin, die die Bevölkerung informieren und in die Eigeninitiative bringen sollen. Wir freuen uns über so viel Engagement auf unterschiedlichen Ebenen, Torsten verspricht über den Weg des geringsten Widerstandes zu berichten, im Gegenzug sei hier mein Respekt gegenüber der Kraft, der Ausdauer und des Bewusstseins für das verantwortliche Kehren vor der eigenen Haustür bekundet. Wir ziehen vor Respekt, zum Abschluss und zum Wiedersehen unsere Hüte bzw. Helme. Später treffen wir auf Diana, die unbedingt ein Foto machen will, sie begrüßt uns wie alte Freunde, die sich lange nicht mehr gesehen haben. Sie hat offenbar schon von Torsten, der unsere Begegnung bereits über die Netzwerke verbreitet hat, von unserem Besuch in der Stadt gehört oder gelesen. Später beim Abendessen bei Don Carlo auf dem Campingplatz entsteht aufgrund der Begegnung mit Torsten ein Gespräch über eine der zentralen Beobachtungen dieser Feld-, Wald- und Wiesenlandschaftsstudie, dass in den Städten landauf landab nur noch die üblichen Ketten, 1 Euroshops, Discounter und Handyshops zu finden sind. Das Phänomen allein ist nur das betrübliche Erscheinungsbild, dahinter verbirgt sich die wirkliche Tragik, dass es offenbar schon lange nicht mehr möglich ist, mit persönlicher Kraft ein lokales Geschäftskonzept, eine ausgefallene Geschäftsidee mit einem ungewöhnlichen Angebot zu machen und/oder einen Laden mit Charme, Geschmack und liebenswerter Eigenwilligkeit zu eröffnen. Somit ist den Leuten ihre eigene Stadt, ihr eigenes Dorf und ihre eigene Umgebung vollkommen genommen und in die komplette Fremdbestimmung überführt worden. Das sauerländische Marsberg gehört genauso wenig den Marsbergern, wie den Magdeburgern Magdeburg gehört. Dazu ist das Land in vermaulkorbter Sprachlosigkeit vereint in der Fremdbestimmung, Verantwortungslosigkeit, sich permanent wiederholender Dauerbeschallung der üblichen Dampfplauderer, Abhängigkeit, Chancenlosigkeit und jetzt soll gewählt werden?
