21. September 2021
Die angewandte Mystik

Morgens auf der Veranda unserer Datscha am See präsentiere ich dem Schild das prächtige Wetter. Das Schild macht heute einen besonders guten Eindruck, genau wie ich. Beide frisch herausgeputzt, das tägliche Wienern des Schriftzug mit meiner Krawatte hinterlässt nur Spuren an dem edlen Stück Stoff und die teure Krawatte macht sich somit auch bezahlt. Ich überlege, mich für einige Momente ans Ufer des toten Armes des Elbe-Havel-Kanals zu setzen, zu schön ist der Anblick der friedvollen Natur, in der es der Mensch auf diesem Fleckchen Erde geschafft hat, im Einklang mit ihr zu leben. Die Holzhütten sind in zurückhaltenden Tönen in die Schilfumgebung der Ufergewächse eingelassen. Viele Wasservögel bevölkern das Naturreservat, ich höre Geräusche, die ich eher im südamerikanischen Urwald vermute, als hier. Kaum ans Ufer gesetzt, scheucht der Anblick des Mannes im Anzug mit Schild zwei ältere Damen auf, die sich später als Putzhilfen der Ferienanlage erweisen. Sie fragen gezielt nach der politischen Botschaft der Aktion, ich versuche sie auf tiefere Verständnisebenen von Weisheit und Menschenkenntnis zu führen und fabuliere über den Sinn und die Notwendigkeit von Umwegen im Leben als dieses bereichernde Erkenntnis- und Reifungsprozesse. Sie beziehen das soeben Gesagte auf die derzeit überall postulierte Notwendigkeit einer gewissen Behandlung zur Vermeidung einer grippeähnlichen Infektion namens C. und beharren auf der Freiwilligkeit der Entscheidung. Jeder sollte das für sich entscheiden, aber es werde ein Druck aufgebaut, der keinem die Entscheidung leicht mache. „Meine Freundinnen zum Beispiel, die eene hat jetzt permanent geschwollene Lymphknoten, die andere hat Arthrose in den Knien und Hüften. Gab’s allet vorher nicht, kommt aber nicht vonne Impfung, sagen die Ärzte. Natürlich nicht. Ich kann et nicht fassen“, empört sie sich. Ihre Kollegin pflichtet ihr mit weiteren Beispielen bei. In ihrer Familie seien inzwischen einige schwerer erkrankt: “Auch hier behaupten die Ärzte, es komme auf keinen Fall von der Impfung. Übrigens, wussten Sie, dass die Ärzte an jeder Impfung 150,--€ verdienen. Was meinen Sie, wieviel ich hier bekomme? Davon darf ich mir bald einen PCR-Test kaufen für 80,--€. Wann kapieren die Leute endlich, was hier läuft?“ fragt sie mich in wütendem Ton mit leicht verzweifelter Note. Als ich später an der Rezeption vorbeilaufe, erkundigt man sich nach dem Sinn des Schildes und der Absicht dahinter. Nach meiner Erläuterung entschuldigt man sich beflissen und wortgewandt für die Unannehmlichkeiten und Umstände bzgl. der Tests und der Notwendigkeit des Maskierens: „Aber was sollen wir diesbezüglich machen? Wir haben keine Wahl und uns sind ja die Hände gebunden“. “Mir auch!”, gebe ich etwas vorwitzig zurück. “Meine wären schon seit Wochen ans Schild gebunden”, versuche ich das Schild etwas anhebend eine kleine Erläuterung das leichte Unverständnis in ihren Augen betreffend wegen meines offenbar unangebracht humorvollen Kommentars. Diese erzeugt eher Stirnrunzeln. Die vielen frühen Morgenstunden empfehlen mir dann, mich besser unverstanden zu entfernen als weitere Erläuterungen anzubringen, um noch mehr Missverständnisse zu vermeiden. Über meinem Haupte formt sich der Gedanke, dass fortgeschrittene Bildung zum Verlust der ureigenen Intuition führen könnte. Schon mehrfach ist mir auf der Wanderung aufgefallen, dass die größte Skepsis mir gegenüber oft von gebildeten Leute angebracht wird. Wenige hundert Meter weiter und Minuten später sollte ich eines Besseren belehrt werden, denn mir kommt ein Fahrradfahrer entgegen, der begeistert meint: „Sie tragen ja die angewandte Physik auf dem Schild mit sich herum“. Er phantasiert, mich eine Weile begleitend, über die Stromlinienförmigkeit des Menschen jenseits des rein Physikalischen. „Im Gegensatz zum Strom, könne der Mensch ja immerhin selbst entscheiden, ob er mit dem Strom schwimme oder dagegen“. Wie das denn mit mir so aussehe, spekuliert er ins Leere, da ich mich dazu nicht äußere. Er lässt nicht locker: „Sind Sie Impfgegner? Coronaleugner? Nein, ich weiß, nicht sagen, Sie sind bestimmt sogar Virenleugner, stimmt’s? Ich empfehle schließlich eine tieferliegende Betrachtung seiner eigenen Lebenshaltung anhand dieser Begegnung und frage nach, welchen Weg er im Leben gewählt habe? Den mit den geringsten Widerständen oder sei er imstande, mit größeren Widerständen umzugehen? Er hält kurz inne und behauptet, dass er Beamter im Lehrberuf gewesen sei, und schon früh ausgesorgt hätte, so hätte er viele Sorgen vermeiden können. “Aber ich habe so meine Zweifel, ob ich das richtig gemacht habe.“ Er sei ja sehr an Musik interessiert, aber ob man darauf einen Beruf aufbauen könne? “Da habe ich mich wohl für den Weg des geringsten Widerstandes entschieden”, räumt er selbstreflektierend und in Ehrlichkeit mir und sich selbst gegenüber ein. Er bedankt sich schließlich für diesen Moment des Blickes in die eigene Tiefe bzw. Untiefe: “Danke, dass Sie mir gezeigt haben, wie ich den Blick von außen nach innen wende, das klingt so einfach, aber ich musste wohl auf dieses Treffen mit einem Verrückten mit Straßenschild warten!” Er erkundigt sich nach der Möglichkeit, selbst ein solches Schild zu bauen, um damit rumzulaufen. Ich ermutige ihn schließlich, nach eigenen Formen des Ausdrucks der tiefen Beschäftigung mit sich selbst zu suchen, was bei ihm erneut tiefe Dankbarkeit und Demut, fast Unterwürfigkeit erwirkt. Ich ziehe weiter und das Wetter ändert sich. Es ziehen Wolken auf, es windet, zunächst ein laues Lüftchen, das sich zur frischen Brise wandelt, bevor es beinah stürmt und die Temperaturen merklich sinken. Ich erhöhe die Schrittzahl pro Minute, damit meine Körpertemperatur die fehlenden Grade im Außen ausgleichen kann. Plötzlich ändern sich die Farben, die Klänge werden wärmer und die Konturen der Bäume, Sträucher, Gräser und Steine werden unscharf, als ich mich selbst vor einer Kirche sitzend, ein Brot essend entdecke. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder, ich bin tatsächlich der, der dort hockt. Das Straßenschild lehnt, ein Dreieck bildend an einem Baum und ein Range Rover hält vor dem Schild und dem dahinter sitzenden Mann, der so aussieht wie ich. Er wartet so lange im Auto, bis der Mann im Anzug, aufsteht und zum Auto geht. Sie wechseln einige Worte, als ich mich plötzlich wieder im Körper des anderen Ichs befinde und vor dem Auto stehend mit dem Mann spreche, der mich zum Kaffee einlädt. Ich nehme dankend an, unwissend, was zuvor besprochen wurde. Wir betreten sein in der Nähe befindliches Grundstück, als er mich auf einen Baum hinweist, mit dem man direkt ins und durchs Universum reisen könne. Man müsse nur eine Hand an ihn legen. Was dann geschieht, ist nicht in Worte zu fassen. Ich kann das nur als Sternenreise zunächst durch unsere Galaxie bezeichnen, vorbei an unendlichen Sternenhaufen, Sonnen und Planeten bis zur Zentralsonne, die sich offenbar in der Mitte unserer Galaxie befindet und so hell leichtet, dass es mir körperlich in den Augen brennt. Nach einigen Momenten des Umsehens und des Zweifels, ob ich das wirklich erlebe, geht es schon zurück. Als ich mich wieder in meinem Körper befinde, der, so muss es gewesen sein, noch immer am Baum steht und diesen mit einer Hand berührt. Mein Blick senkt sich und um meine Füße und um den Baum tanzen 21 Zwerge ein Ringelreigen als Formationstanz. Ich muss immer noch träumen, so denke ich, als mich der Mann zu einem Kaffee einlädt, damit zurückholt aus dieser Erfahrungund willkommen heißt in seinem Haus und in einer neuen Welt, zu der ich nun Zugang hätte, so ich wolle. Wir kommen ins Gespräch über diverse Zwischenwelten, die es sich lohne zu bereisen. Ich verabschiede mich nach einem über zweistündigen Aufenthalt und einer so intensiven Begegnung, die nur dieser so sonderbare Weg des größten Widerstandes zu ermöglichen vermag. Ich ahne langsam, warum ich mit einem Schild voller Fragen losgezogen bin. Ich stelle später fest, dass ich mich in einem Dorf mit 7 Häusern befinde, es ist kein Mensch auf der Straße, ich bin auf der stundenlangen Wanderung zuvor niemandem begegnet und auch danach treffe ich niemanden an beim Durchstreunen der mystischen Brandenburgischen Wälder. Später im nächsten Ort auf dieser Welt angekommen, fragt mich ein Mädchen, wie und wo man ein solches Schild bekommt. Sie möchte selbst mit den „Weg des geringsten Widerstandes“ gehen. Ich kann sie da nur ermutigen …
