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20. September 2021

Der Montag, der magische Millionär und die mystische Mirabelle

Der Montag, der magische Millionär und die mystische Mirabelle

Auf dem Weg von Elbe-Parey Richtung Brandenburg an der Havel erhalte ich einen rätselhaften Anruf von einem unbekannten Mann. Er behauptet, aufgrund seines Vermögens über hervorragende Kontakte zu den höchsten Kreisen zu verfügen und meinen Weg aufmerksam verfolgt zu haben. Er macht mir einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ich solle einen Hubschrauber chartern, mich über den Reichstag fliegen lassen und das Schild in die Kuppel fallen lassen. Dadurch würde ich ein spektakuläres Ende der Aktion erzeugen und berühmt werden. Die Kosten würden übernommen. Noch bevor ich darauf antworten kann, beendet der mysteriöse Anrufer das Gespräch. Kurz darauf fliegt tatsächlich ein Militärhubschrauber über mich hinweg. Wenig später hält ein dunkles Auto neben mir. Ein Mann auf dem Rücksitz stellt sich als Ministerialbeamter aus Sachsen vor und erklärt, er werde seinen Vorgesetzten, den Ministerpräsidenten, über mein Projekt informieren und die weitere Entwicklung beobachten lassen. Die Begegnung verstärkt mein ohnehin mulmiges Gefühl. Nach weniger als fünf Kilometern merke ich, dass meine Kräfte nachlassen. Ich überlege, ob ein Ruhetag nicht sinnvoller wäre als die geplante lange Etappe. Deshalb kehre ich zunächst nach Elbe-Parey zurück und frage nach einer weiteren Übernachtungsmöglichkeit. Im Dorf Neuderben treffe ich Markus und Tina mit ihrem schwedischen Freund Frederick. Sie suchen nach einem guten Burger, bevor Frederick nach Schweden zurückkehrt. Wir sprechen über die Situation in Deutschland und darüber, wie sich Reisen inzwischen verändert hat. Als ich von meinem Projekt erzähle, interessiert sich Markus besonders für meine bisherigen Begegnungen mit der Polizei. Ich berichte unter anderem von der Begegnung mit dem Staatsschutz in Warburg, bei der ich der Reichsbürgerszene zugeordnet wurde. Markus ist Jurist und erklärt, dass grundsätzlich niemand daran gehindert werden könne, mit einem Schild durch Deutschland zu laufen. Die Begegnung gibt mir neue Energie und ich beschließe, doch noch weiterzugehen. Ich wähle diesmal den Weg über Bergzow. Kurz vor dem Ort verlassen mich allerdings erneut die Kräfte. Mir wird schwindelig und meine Wahrnehmung wirkt zeitweise doppelt. Ein Mirabellenbaum zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Die vielen Obstbäume und Sträucher entlang meiner Reise sind für mich inzwischen zu einer wichtigen zusätzlichen Nahrungsquelle geworden. Unter dem Mirabellenbaum entwickelt sich in meiner erschöpften Wahrnehmung eine absurde, beinahe mystische Szene. Ich stelle mir vor, der Baum könne mit mir sprechen und auf meinen Wunsch nach Nahrung reagieren. Schließlich stelle ich mir vor, dass sich ein mit Früchten beladener Ast zu mir senkt und ich mich an den Mirabellen satt essen kann. Die Früchte geben mir tatsächlich neue Kraft. Trotz der wiedergewonnenen Energie führt mich die Erkenntnis schließlich zurück nach Elbe-Parey. Vielleicht ist es sinnvoller, den Tag am See zu verbringen, statt unbedingt weiterlaufen zu wollen. Am späten Nachmittag bin ich wieder am Bootshaus und denke darüber nach, dass dieser Wandertag scheinbar stattgefunden hat, ohne wirklich Strecke gemacht zu haben. Die Vorhersage der Stenzels aus Kreuzberg, dass ich zwei Tage zu spät in Berlin ankommen könnte, beschäftigt mich. Der Gedanke setzt mich erneut unter Druck und ich breche doch noch einmal Richtung Brandenburg an der Havel auf. Als ich mich im Wald verlaufe und schließlich an der schönen Parey-Schleuse lande, muss ich einsehen, dass die Etappe für heute keinen Sinn mehr ergibt. Es wird dunkel und ich kehre endgültig in meine Datscha am See zurück. Am Abend frage ich mich, ob der Wunsch, unbedingt in Berlin anzukommen, inzwischen zu viel Macht über mich gewonnen hat und ob ich diesen Tag verschenkt habe. Gleichzeitig kommt mir der Gedanke, dass die Antwort vielleicht nein lautet, weil der Tag am See trotz aller Umwege und des fehlenden Fortschritts auf seine eigene Weise schön gewesen ist.