19. September 2021
E U kalyptus

„Lebendigkeit beginnt jenseits der Komfortzone!“, so die Botschaft heute morgen eines guten Freundes und Unterstützers meiner Reise. Es ist 08.23 Uhr, als ich frohen Mutes, gut gefrühstückt und noch besserer Dinge mein nächtliches Quartier in der alten Kaserne in Burg im Jerichower Land verlasse, das Schild mit Schwung auf die Schulter nehme und mit ebensolchem in die falsche Richtung loslaufe. Erst nach etwas mehr als einem Kilometer bemerke ich mein Missgeschick, das zu korrigieren bei heute „nur“ 24 Kilometern trotzdem ein leichtes Kopfschütteln und tiefes Durchatmen bei mir verursacht. Sollte der Umweg etwa einen Sinn haben, wie so viele auf dieser Reise? Ich komme also nochmals an der Jerichower Klinik in Burg vorbei, als drei rauchende Rettungssanitäter in der Raucherecke den Wanderer mit Schild mustern und den Kopf wie in choreographierter Synchronität querlegen, um die Botschaft auf dem Schild zu lesen. „Brauchen Sie Hilfe?“, so die viel zu vieldeutige Frage einer der rettungsuniformierten Raucher. Aufgrund meiner morgendlichen Müdigkeit, meiner angeborenen ostwestfälischen Mund- und Maulfäule zu dieser Tageszeit und der Vieldeutigkeit der Fragestellung fällt mir nichts Besseres ein, als mich samt aufgerichtetem Schild vor ihnen aufzustellen und einem nach dem anderen tief in die Augen zu sehen. Ich überlege immer noch, wie ich die Frage verstehen soll, wie die Gruppe zu überlegen scheint, was sie hier gerade zu sehen bekommt. Es beginnt ein Art Wettstarren, dass zu viele Momente andauert, um dem Schweigen noch ein Gespräch folgen zu lassen. Nach einigen Minuten ist alles zu Sagende überschwiegen, und so setze ich mich langsam wieder in Bewegung. Die Zigaretten sind ohne Zug zu Ende gebrannt und es können endlich neue angezündet werden, um sich irgendwie in eine neue Situation zu rauchen. Ich verstehe das und nicke beim Wegtreten aus ihrem Blickfeld verständnisvoll zum Abschied. Meine Route führt durch das Innere der Kleinstadt von Burg, als ich mich in der Nähe des Bahnhofs erneut verlaufe. Als ich meine Route per Blick aufs GPS meines Mobiltelefon wiederfinde und den neuerlichen Umweg verdaut habe, finde ich mich plötzlich vor dem örtlichen Polizeipräsidium wieder. Die Fassade gefällt mir, die Polizei nimmt zudem in dieser Reihe der nüchternen Berichterstattungen eine besondere Rolle ein, so kann ich ihr vielleicht mit einem Foto des Portals des Polizeipräsidiums gerecht werden. So lehne ich das Schild an die Mauer neben der Eingangstür, mache ein Foto und setze mich wieder in Bewegung. Als ich mich bereits etwa 50 Schritte vom Polizeigebäude entfernt habe, kommt mir ein älterer Herr mit Hund entgegen, als ich hinter mir einen lauten Pfiff höre. Den Pfiff besser ignorierend, so die Empfehlung meines Instinktes, behauptet der Herr mit Hund, ich hätte da anscheinend ein Gespräch. Als ich mich umdrehe, sehe ich sieben Polizeibeamte nebeneinander die Straße zu mir hocheilen. Einer ruft: „Sie da, bleiben Sie mal stehen!“, als sechs von ihnen die perfekte Reihe auflösen, um diese wie choreographisch mehrfach geprobt und einstudiert in einen perfekten Ring umzuformen. Das soll einschüchtern, tut es aber nicht. Stattdessen gratuliere ich zu dieser Eleganz und Grazie, mit der dieser Formationswechsel von statten geht, als der Dienstälteste und Ranghöchste, alle anderen haben ihre rechte Hand am Halfter, das Gespräch eröffnet: „Haben Sie ihren Ausweis dabei?“ Ich bejahe, damit aus den glorreichen Sieben, schon mal einer beschäftigt ist. Das mir angeborene ostwestfälische Schweigen am Morgen mit durchtrainierter rheinischer Fröhlichkeit mit Leichtigkeit überwindend plaudere ich munter über die vielen interessanten Begegnungen auf meiner langen Reise von meiner Haustür in Köln über Burg nach Berlin, als ich bemerke, dass bei einem der übrigen fast glorreichen sieben, in dunkelblauer Armitage ummantelten und allerlei schwarzen Werkzeugen ausgestatteten Bediensteten ein Lächeln übers Gesicht huscht und mit jeder weiteren Vokabel deutlichere Gestalt annimmt. Der Mensch in dem Polizisten zeigt sich erst umrisshaft, dann füllt sich die zunächst noch leere Hülle langsam mit farbigem Inhalt. Ich berichte über das Sammeln von Geschichten die Frage betreffend, welchen Weg die Menschen denn bereit seien, einzuschlagen und den wachsenden Unmut der Bevölkerung durch die sich verschärfende Krise. Jenseits der Rolle von Polizisten, Künstlern undundund könne man womöglich wieder zusammenfinden. „Wir sitzen doch alle im selben Boot“, höre ich mich schwadronieren, als einer der übrigen fünf fragt: „Und wo soll die Reise im Boot denn, ihrer Meinung nach, hingehen?“ „Ins Leben natürlich!“, antworte ich, wie aus der Pistole geschossen, als der nun vollends zu erkennende, in völliger Übereinstimmung mit dem Gesagten lächelnde Mensch hinter der Uniform einstimmt: „Bestimmt nicht in einen alles kontrollierenden Polizeistaat!“ Die anderen schauen den Glorreichen etwas irritiert an, der lächelt nur. Der Dienstälteste betritt wieder den nun um einiges durchlässiger und unschärfer gewordenen Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden, um mir verhalten schmunzelnd: „Noch einen guten Weg, Herr Bölter“, zu wünschen. „Danke, Ihnen auch“, verabschiede ich mich. Als ich mich nochmal umdrehe, sehe ich, wie zwischen den zwei glorreichen Sieben und den anderen eine bescheidene, aber deutlich wahrnehmbare Lücke zu klaffen scheint. Als ich Burg verlasse, halten zwei ältere Herren neben mir im Auto, halten ist weit untertrieben, sie machen eine quietschende Vollbremsung in Anbetracht des Schildes. „Sagen Sie, was führen Sie da im Schilde?“, wollen die beiden gut aufgelegten Männer witzelnd wissen. Ich erläutere kurz mein Anliegen, die Menschen an die immerwährende Wahlmöglichkeit im Leben zu erinnern, einen anderen Weg einschlagen zu können. „Wir wollen Frieden, keine Atomwaffen, nur ein ruhiges Leben und das Deutschland Deutschland bleiben kann. Das ist alles“, stimmen sie überein: „Wir sehen uns in Berlin, wir kommen mit vor den Reichstag“, höre ich die beiden beinah gleichzeitig sagen. „Wir brauchen auch keinen souveränen EU-Staat, dann wird Deutschland nämlich niemals mehr in die Souveränität kommen. Hier, wollen Sie ein Eukalyptusbonbon? Das hilft auf ihrem so schweren Weg.“ Ich freue mich über die kleine Geste mit so großer Wirkung und bedanke mich für die Aufmerksamkeit. Sie fahren ebenso freudig wieder an, machen quietschend und lange hupend auf der Straße einen E U-Turn (Puh, schlechter Witz, aber ich kann mir das grad nicht verkneifen) und winken voller E U phorie. Ich lutsche genüsslich mein E U kalyptusbonbon.
