LogoWeg des geringsten Widerstandes
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18. September 2021

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Es geht heute etwas verspätet von Magdeburg nach Burg. Das Frühstück war zu spät fertig. Interessant, dass es inzwischen selbst bei Selbstverständlichkeiten eines Hotels einer ganz guten Adresse zu derartigen Schwierigkeiten kommen kann. Bevor es mit der Berichterstattung losgehen kann, noch eine Anmerkung. Da die Homepage am Tage des Auftritts des Verfassungsschutzes in dieser Kulturgeschichte gehackt und den verantwortlichen Autoren der Zugriff verwehrt wurde, musste eine Notzulassung für eine neue Homepage ohne vorherige klinische Studie erwirkt werden. So besteht u. U. ein hohes Infektionsrisiko dieser tagebuchartigen dokumentarischen Chronik der Wahrheitsbesuche in Deutschland insbesondere bei der Kommentarfunktion, die zur Sicherung ausgesetzt wurde. Wer dennoch einen Kommentar schreiben möchte, möge diesen doch bitte an die mail-Adresse: boeltichat@gmx.de senden. Wir werden diese dann unter den Tagesberichten veröffentlichen. Aber jetzt ab auf die Bühne, die die Welt bedeutet. So krame ich also um 09.07 Uhr das Schild aus der Hotelgarage, wo es die Nacht verbracht hat und betrete, herausgeputzt die erste Szene des heutigen Tages, die mich am Magdeburger Elbufer entlangführt, um aufgrund vieler Mut machender Gespräche mit jungen Eltern und einer Gruppe aufgeweckter Mittsechziger nur sehr langsam in Schwung zu kommen. Es wird öffentlich mit mir gerätselt, was man am 26.09.2021 vor dem Reichstag denn eigentlich machen kann und soll. Ich weiche aus, ich hätte mit der Schlepperei des Schildes genug zu tun. „Es gibt keine Stelle mehr auf dem Zettel, an dem man sein Kreuzchen machen kann“, meint eine der Damen aus der interessierten Gruppe der Mittsechziger empört: „Übrigens dachte ich erst, dass Sie hier ein Kreuz durch die Stadt schleppen“, ergänzt sie. Witzelnd frage nach dem passenden Wahlzettel für mein Kreuz. “Das wäre wohl einer für Riesen”, geht sie zu meiner großen Freude den Ausflug ins Land des hintergründigen und verstiegenen Humors mit. Ihr Partner kommentiert: „Ich habe gedacht, da kommt der Sensenmann und mein letztes Stündlein hätte geschlagen“. Wir sprechen über die vielen Wirklichkeitsebenen, die durch das Bild das Mannes im Anzug mit Schild angeregt werden, die politische Ebene sei ja nur eine davon, auch wenn die bevorstehende Bundestagswahl am 26.09.2021 der formale Anlass für diese künstlerische Langzeitaktion darstelle. Es gibt tatsächlich etwas Applaus auf offener Straße für diesen Anblick und die Dimension des Projektes, den ich gern ein paar Schritte mitnehme, bevor ich das MDR-Rundfunkgebäude am Elbufer erreiche, wo ein Kamerateam samt Equipment auf der Wiese hockt und an ihren Masken vorbei rauchend das Schild anglotzt. Ich erlebe die Ratlosigkeit und Verunsicherung dieser „Männer mit Technik“, oder besser „Technik an Männern“, bzw. am besten “Männer an Technik”, die nach einem Strohhalm auf der Wiese suchen, um irgendwie Halt zu finden in dieser für sie so wenig angenehmen, weil unbekannten Situation. Nach Momenten der Versteinerung fällt einem der „Big Tech“-linge ein: „Ach, wir müssen ja da rüber. Müssen noch Aufnahmen von der Elbe machen“, die anderen haben daraufhin die Löschtaste auf ihrer Tastatur für die soeben erlebte Bildstörung wiedergefunden und es kann endlich weiter gehen im Text und im Programm des MDR. So stolpere ich in die zweite Szene des Tages und in eine Gruppe 1. FC-Magdeburg-Fußballfans nach der anderen, die allesamt interessiert und munter auf das Straßenschild und die Aktion reagieren. „Wo is‘n der Weg?“ will einer wissen, „Wer Magdeburgfan ist, kennt den Weg des größten Widerstandes“, behauptet ein anderer blauweiß-bekutteter Fan. Einer will meine Adresse haben, um sich nachher das Schild zu sichern. Eine Gruppe jugendlicher Fans fragt nach meiner Partei, ich erläutere, dass es eher um tieferliegende Inhalte des menschlichen Daseins gehe. Er schluckt und behauptet, sein tiefergelegtes Auto sei Lebensinhalt genug. Eine andere Gruppe unterhält sich angeregt durch das Schild über die mangelhaften Möglichkeiten bei der bevorstehenden Wahl, an der man ja nur die Wahl zwischen Not, Elend und anderen Katastrophen habe, als ein älterer Herr mit 1. FC Mageburg-Schal über den Schotter und zwischen uns hindurchrutscht und danach von einem fantastischen „Schotter-Slide“ spricht. Er behauptet, es sei notwendig den Blick von den Mattscheiben abzuwenden und nicht arrogant zu heben, sondern demütig zu senken, um, die Medien ignorierend, vor der eigenen Haustür zu kehren. Es brauche niemanden, der einem sage, welchen Besen man dafür zu nehmen habe. Jeder ist für sein Umfeld selbst verantwortlich, niemand sonst. Die wichtigste Geste unserer Zeit, wäre der Griff an die eigene Nase. Mit dieser Ansage fassen sich alle sofort an die Nase, wie um zu überprüfen, ob sich diese überhaupt noch im Gesicht befindet. Das gelte wohl ausnahmsweise für alle Menschen, fährt der in unsere Mitte Geschlitterte fort. Es sei langsam an der Zeit, die Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen und diese nicht weiter auf jemand anderen zu projezieren und zu übertragen. „Allet klar? Noch’n Slide?“, fragt er die anderen verdutzt Dreinschauenden, soviel Weisheit vor einem Fußballspiel hat wohl keiner der Gruppe, mich eingeschlossen, erwartet. „Was ist heute nur los?“, will einer wissen. „Wir verlieren heute, ist‘n komischer Tag“, behauptet ein anderer. Später auf der Elbbrücke gerate ich in eine andere Gruppe Magdeburg-Fans, die sich amüsiert über das Schild zeigen und nach einer Erklärung verlangen: „Sag ma, worum geht’s? Ich bin jung, doof und Fußballfan.“ „Ich bin alt, bestimmt nicht schlauer und Fußballfan bin ich irgendwie auch“. „Trotzdem, erklär mal“, lässt er nicht locker. Auf meine Frage, ob er im Leben den Weg des geringsten Widerstandes oder den des größten Widerstandes bevorzuge, behauptet er zur Belustigung der anderen, dass er nur den einen kenne. „Dann musst du weitersuchen“, behaupte ich und schicke mich an, weiterzuziehen, richte meine Blicke bereits in Richtung meiner Wege aus und gebe ihm versehentlich, das Schild nicht hoch genug tragend, mit dem geschulterten Schriftzug einen leichten Schlag auf seinen Hinterkopf, was die anderen so sehr belustigt, dass sie mir eine Freikarte für das in Kürze beginnende Fußballspiel gegen Würzburg anbieten. Nur der durch den leichten Schlag auf den Hinterkopf mit erhöhtem Denkvermögen ausgestattete Fan zeigt sich wenig amüsiert und mustert mich argwöhnisch. Ich entschuldige mich für diesen Vorfall, was ihm nicht genügt. Zu seinem Leidwesen haben die anderen so viel Spaß an der Szenerie, dass sie mich in Schutz nehmen. Später in Szene drei des Tages auf dem Waldweg an der Bahntrasse entlang begegne ich einer Gruppe von drei Erwachsenen mit Hunden, die beinah größer sind als sie selbst. Sie warten extra, bis ich auf ihrer Höhe bin, um ihre Fragen zu stellen. Wir sprechen über die bevorstehende Wahl und die Situation in Deutschland, die sie allesamt als aussichtslos beurteilen. „Ist es nicht schon zu spät für diese Aktion?“, gibt der junge Mann zu bedenken, „Der Egoismus ist so weit ausgebildet, dass er in eine so massive und aggressive Spaltung mündet, die nicht mehr zu kitten ist!“, behauptet er. Das stimmt mich nachdenklich. „Vor 10 Jahren hätte die Aktion vielleicht noch Sinn gemacht“, erklärt er. Wir verabschieden uns im Prinzip Hoffnung, was er nicht so recht gelten lassen will und weiter behauptet, er sehe hier eine bewusste Irreführung der gesamten Weltbevölkerung, die die wenigsten für überhaupt möglich halten. Das sei der Garant für den Erfolg. Ich bin inzwischen durch die Strapazen des Tages zu müde, um darauf einzugehen, muss ich ja auch nicht. Unmittelbar nach dem Gespräch fährt mir ein neuer Schmerz in den Rücken. So steht es nach Szenen meines heutigen Spieltages 2 : 1. Bei Magdeburg auch. Nur hat Magdeburg verloren, wie ich später höre. Nachtrag: Lieber Jürgen, der Text über die Klassifizierungen von Schotter, deren Materialität und Körnung bezogen auf deren Auswirkung auf meine Sprunggelenke ab einer Streckenlänge von 2 Kilometern auf dem Weg des geringsten Widerstandes kommt später. Schon mal vor weg, Schotter der Körnung von 40 bis 80 mm ist am schlimmsten, weil der Fuß da jedesmal anders aufsetzen muss und das Profil diese Körnung nicht ausgleicht. Wenn es auch noch Basalt ist, ist es besonders schlimm, weil zu hart. Aber es geht hier um die Menschen und nicht um Schotter. Mannomann. Kommentare weiterhin gern an: boeltichat@gmx.de