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17. September 2021

3B unterm Birnenhain

3B unterm Birnenhain

Heute Nacht wurde ich um 3.33 Uhr von Knusper- und Knabbergeräuschen wach. Wir sind zuvor bei Antonio in Oschersleben abgestiegen, und wähnen uns anhand der Deko im Zimmer wie im Restaurant an der italienischen Riviera, was den bis dahin sehr ostdeutschen Tag mit flachen Ebenen, gestreckter Landschaft und undichter Besiedlung etwas vergessen lässt. Zudem gibt es beim hintergründig gesprächigen Antonio eine begnadete Köchin, deren Nudelgericht diesen Tag und seinen Mangel an Begegnungen, Gesprächen und Unterhaltung ganz passabel neutralisiert. Ich habe das Gefühl, das die in diesem Haus wie in den meisten Restaurants mitverköstigten Nagetiere im Gegensatz zu uns wohl nicht satt geworden sind und jetzt den Teppichboden unter dem Bett anknabbern. Zumindest klingt es so, als knuspere etwas unter dem uneinsehbaren Bettgestell am Teppich herum. Beim Frühstück vermisst Antonio die italienisch tradierte Form der Korruption und erwähnt ein Beispiel, wo er einst einer Polizeikontrolle mit einem 20 Euro-Schein entkommen sei. In Deutschland wird man hingegen erstmal beschimpft, beleidigt und mit einem Bußgeld belegt. In Italien geht sowas viel eleganter. Und in diesen Zeiten sei es besonders schlimm geworden. Die Beamten nutzen jede Gelegenheit aus, um sich aufzuplustern und die Bevölkerung zu drangsalieren. Im Vergleich mit Deutschland habe Italien ein geradezu edles und großzügiges Korrutionssystem mit Stil, erklärt er gestenreich. Auf dem Weg durchs ländliche Sachsen-Anhalt geht es über Klein Oschersleben, Klein Germersleben nach Wanzleben, bevor es nach einer Rast über Schleibniz schließlich weiter bis nach Magdeburg geht. Vor Wanzleben biege ich links auf einen Feldweg, der von einer Reihe von Birnenbäumen gesäumt ist, die sich sämtlich voll behangen zeigen. Nach einigen Schritten fallen mir zwei ältere Herren ins Auge. Der eine, der einbeinig und ziemlich beleibt auf sowas wie einem motorisierten Rollator sitzt und sich später als Beingodik vorstellen wird, feuert seinen ähnlich beleibten, humpelnden Kompagnon Birnenheinz, der mit einem langen Stab mit eine Obstgreifer am Ende im Birnengeäst herumstochert, beim Birnenpflücken an. Birnenheinz, den einen Arm nach oben reckend und mit dem Obstgreifer den Arm verlängernd, die begehrten Früchten anvisierend, aber ins Leere greifend, in der anderen eine, unter dem Eigengewicht des eigenen Leibes, sich bereits krümmende Krücke im Versuch, den eigenen Körper im Gleichgewicht zu halten, kann sich offenbar nur mühsam bei der Fülle der Aufgaben auf den eigenen Beinen halten. Mir kommt die Idee, ihnen mit meinem Straßenschild zu helfen. So versuche ich mit meinem beschrifteten Werkzeug, die Früchte vom Baum zu hauen. Das klappt überraschend gut und wir kommen ins Gespräch über allerlei verschiedene Methoden, Birnenmost herzustellen, als mich Beingodik ermuntert, doch den Greifer zu benutzen, so könne ich ihnen am besten helfen. Damit werde ich eingespannt in ihre Absicht, Birnen zu stehlen, wie sich erst später rausstellen wird, als der Bauer noch hinzukommt, um uns alle Birnen, dankend für die ihm abgenommene Arbeit, abzunehmen. Ich strecke mich gerade nach einer besonderen lecker und saftig aussehenden, aber leider sehr hoch hängenden Birne, die Beingodik von seinem fahrbaren Untersatz ausgemacht hat. Er feuert mich lauthals an: „Mehr rechts, noch mehr. Und höher, noch ein kleines bisschen. Also, warum geht das denn nicht?“ Das bringt mich dazu, meine Körperlänge ins maximale auszudehnen, damit Birnenheinz, der mit der Spitze seiner Krücke meinen Rücken zu stabilisieren versucht, aber dabei sein mühsam ausbalanciertes Gleichgewicht vollends verliert und mit lautem Getöse und Geschrei auf mich stürzt. Ich konnte nicht sehen, dass Beingodik inzwischen sein Vehikel verlassen und einbeinig auf uns zugehumpelt sein muss, um seinerseits Birnenheinz irgendwie zu unterstützten. Jedenfalls fiel Beingodik auf Birnenheinz und Birnenheinz auf mich, der mich mit umriss. So liegen wir drei beisammen unterm Birnbaum: Birnenheinz, Beingodik und Bölter, als das Schild, das am Birnbaum lehnte, auch noch, wohl durch die Erschütterung des Erdreiches beim Sturz der beiden Schwergewichte, aus dem Gleichgewicht gerät und auf uns stürzt. Als sich alle mühsam wieder aufgerichtet haben und jeder wieder an bzw. auf seinem Hilfsmittel Platz genommen hat, Beingodik auf seinen fahrbaren Untersatz, Birnenheinz an seiner Krücke und ich am Schild, entsteht eine wundervolle Debatte über Überlebenskünste in Krisenzeiten und Hilfe zur Selbsthilfe: „Wir praktizieren unter uns die indianische Kultur des Palavers. Wir diskutieren so lange, bis auch der letzte von uns überzeugt ist. Auch wenn es Jahre dauert. Egal, wir handeln erst, wenn jeder vom Vorhaben überzeugt ist, vorher tun wir gar nichts. Außer es kommt zum Krieg, dann entscheidet der Häuptling. „Aber Ihr seid doch nur zu zweit“, wende ich ein. „Das spielt doch überhaupt keine Rolle“, antwortet Birnenheinz wie aus der lädierten Hüfte geschossen: „Die Zahl ist vollkommen egal.“ Das würde er übrigens und überhaupt als weltweites Demokratiemodell vorschlagen. Wir haben das unter uns schon erprobt: „Geht!“. Sie würden übrigens niemals Birnen klauen, aber in diesen Kriegszeiten müsse das halt sein, behauptet Birnenheinz. „Hat Beingodik übrigens entschieden. Der ist der Häuptling, aber wie gesagt, nur in Kriegszeiten. Beingodik lädt mich ein, auf seinem Rollatorwagen Platz zu nehmen. Er behauptet, ihm sei aufgefallen, dass mein Rücken inzwischen krumm sei, vermutlich wegen meiner seltsamen „Gehhilfe“. Schnell beißt er an fünf Birnen die Spitzen ab, um sie dann zwischen der Lehne des Gefährts und meinem Rücken an bestimmten Stellen so zu positionieren, dass ich unmittelbar in Trance falle. Als ich, vermutlich wenige Augenblicke später, wieder zu mir komme, ist mein Rücken gerade, die Verspannungen in den Schultern sind weg und die Schmerzen im unteren Rücken von der ungleichen Verteilung des Gewichtes auf meinen Schultern sind verschwunden. „Gehe keine Verträge ein. Gebe niemandem Macht über Dich. Gass Dir nichts sagen. Geh jetzt. Auf Wiedersehen!“ gibt Beingodik mir eine seltsame, mich verwirrende 4G-Regel mit auf den Weg. Als ich endlich Magdeburg erreiche und ein Shoppingcenter mit meinem Schild betrete, einmal auf und ab gehe, erscheint schon nach wenigen Minuten ein Security-Mitarbeiter und stellt sich so dicht vor mein Gesicht, dass ich seine acht Nasenhaare zählen kann und die Absicht der Einschüchterung überdeutlich wird. Ich starre ein paar Augenblicke in seine auftragsgefüllten Augen. Sein Mund öffnet sich hinter seiner Maske, heraus kommt die Frage: „Haben Sie eine Erlaubnis der Geschäftsleitung für diese Aktion?“ Ich frage ihn zurück, ober er mir eine ausstellen könne? Das bringt ihn etwas aus der Fassung: „Ein letztes Mal, zeigen Sie mir sofort die Genehmigung der Geschäftsleitung!“ „Bitte richten Sie der doch meine Grüße aus“, höre ich mich sagen, schultere gemächlich wegen des langen Weges, den ich in den Knochen habe, das Schild und verlasse langsamen Schrittes dieses Gebäude. Ich werde vom Sicherheitsdienst hinausbegleitet. Ich bin in Magdeburg gut angekommen.