LogoWeg des geringsten Widerstandes
← Zurück

16. September 2021

Eilenstedt

Eilenstedt

11.38 Uhr Ich verlasse die Schlafstätte Villa Bianca in Dingelstedt nach einem langen Gespräch mit dem Hüter des Hauses, einem aufgeweckten jungen Mann, der sich mit Leib und Seele um die wunderschöne alte Gründerzeitvilla kümmert. Ich laufe weiter die ehemalige Bahntrasse entlang, die Betonplatten sind eben und damit gut zu belaufen. Eine Wohltat für meine geschundenen Hüftgelenke, würde sich das Schild jetzt der Schwerkraft entziehen, wäre ich im Himmel. Interessanterweise meine ich zu schweben oder zumindest für einen Moment abzuheben, sobald ich das Schild mal nicht auf der Schulter habe. Apropos Schulter, Ich frage mich manchmal in den vielen stillen Momenten unterwegs, wem ich diese Reise eigentlich schulde? Mir selbst, meiner Familie und meinen Freunden oder der gesamten Menschheit? Da kommt mir zuallererst mein Sohn A. in den Sinn, ich gehe in und für eine ungespaltene Welt mit einer freien und einigen Menschheitsfamilie, die sich selbst in aller Unterschiedlichkeit, Vielfalt und respektvollen Differenziertheit als Einheit angenommen hat … Mein linker Fuß schmerzt plötzlich und holt mich aus den esoterischen Sphären zurück auf die Erde. Inzwischen sind meine Füße so strapaziert, dass ich Schotteruntergründe nur noch zu vermeiden suche. Später sollte die Bahntrasse so überwuchert sein, dass ich entgegen der Empfehlung meiner App über die Landstraße über Wulferstedt nach Oschersleben weiter gehen muss, jedoch weiß ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht, so dass ich meine wohlverdiente Pause am schönen Weiher an der Turmstraße im alten und sympathischen Dörfchen Eilenstedt etwas zu sehr ausdehne. Ich lehne das Schild an einen alten Baum am Weiher und mich an einen altes steinernes Turmgemäuer, dessen Einstieg so erhöht ist, dass man nur mit einer Leiter ins Innere des Turmes gelangen kann, ähnlich den römischen Limestürmen zur Sicherung ihres Inhaltes. Ich gleite sofort aus Erschöpfung in einen tranceartigen Dämmerzustand oder Halbschlaf, kann aber noch blinzelnd beobachten, dass ein Auto anhält, einer der beiden Männer steigt aus, um das Schild zu betrachten, macht jedoch schnell kehrt und geht zurück zum Auto, um die Fahrt fortzusetzen. Wenig später fährt ein weiteres Auto vor, ein älterer, sportlicher Mann steigt aus, um das inzwischen umgefallene, im Gras liegende Schild zu betrachten. Wie konnte er das überhaupt sehen von der Turmstraße aus. Hat sich meine Anwesenheit bzw. die des Schildes bereits herumgesprochen? Hat etwa Frau Meier, die mich gestern in Dingelstedt auf der Straße angesprochen hat, ihren Nachbarort informiert? War der redselige Hüter der Villa Bianca, Herr Ost, vielleicht etwas zu redselig? Diese Fragen bringen mich langsam aus dem Halbschlaf zurück ins Tagesgeschehen, ich komme allerdings nur schwer aus dem Sitz an der Mauer des Turmes wieder auf die Beine. Irgendwann komme ich trotzdem mit Karl ins Gespräch, der solange am liegenden Schild stehen bleibt, bis ich mich aufgerafft und zu ihm aufgeschlossen habe: Karl: Sagen Sie mal, was machen Sie mit dem Schild hier? Klären Sie mich doch mal auf. Ich: Ich gehe den Weg des geringsten Widerstandes nach Berlin. Karl: Wie soll ich das verstehen? Ich: Ich habe auf der Karte von meiner Haustür in Köln bis zum Berliner Reichstag eine Linie gezogen, habe dann mein Schild genommen und laufe diese Strecke jetzt so gut es geht ab. Karl: Zu Fuß? In diesem Anzug? Mit diesen Schuhen? Ich: Ja. Karl: Wann sind Sie aufgebrochen? Ich: Am 1. September Karl: Ich sage ihnen jetzt mal nicht, was ich davon halte. Aber ganz ehrlich, es braucht wohl so verrückte Leute. Ich: Verrückt? Karl: Und wann wollen Sie da sein? Ich: Am 26. September stehe ich vorm Parlament. Was dann geschieht weiß ich nicht? Karl: Das ist ja Wahnsinn. Ich: Wahnsinn? Karl: Also, Sie laufen in dem Aufzug den gesamten Weg zu Fuß mit diesem Ballast auf dem Rücken. Wofür? Warum nehmen Sie das auf sich? Ich: Ich schenke den Menschen eine Möglichkeit, sich die Frage zu stellen, welchen Weg im Leben sie bisher gegangen sind, und ob sie diesen Weg wirklich fortsetzen wollen. Das ist alles. Karl: Wissen Sie, sie stehen hier unter unseren Bürgermeisterkandidaten (zeigt auf die Plakate an den Laternenmasten), und, wenn ich das richtig verstehe, machen Sie gerade deren Arbeit. Von denen war noch keiner hier. Ich: Mir ist egal, was die machen. Es geht hier um viel tiefere Ebenen unseres Seins als das eine Partei überhaupt abbilden kann. Da verstellen machtpolitische Interessen den Blick. Karl: Ich war hier lange im Ortsrat. Ich habe erlebt, dass alles, was wir lokal wollen, anstreben und entwickeln, überhaupt keine Rolle spielt. Da oben gibt es nicht das geringste Interesse für die Menschen im Land. Die Leute bemerken das inzwischen, aber sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. So lange ändert sich nichts. Die Leute haben eigentlich keine Chance. Ich: Wie wäre es mit dem Blick nach innen? Karl: Ja, aber wer kann denn das? Es wird ja immer nach Hilfe von außen gerufen, davon profitiert doch die Politik. Man müsste den Leuten den Fernseher und das Internet wegnehmen, dann wäre das vielleicht möglich. Ich: Ich habe zumindest erlebt, dass über äußere Krisen etwas Neues entstehen kann. Und eine Änderung der Blickrichtung wäre doch mal was Neues. Karl: Und was glauben Sie, finden die Leute da? Es fällt doch schon schwer, den Blick vom Smartphone zu heben. Wer soll denn da auf die Idee kommen, nach innen zu schauen? Ich glaube, die Leute haben keine Chance, schauen Sie sich die Innenstädte an, wem gehört denn die Stadt? Den Leuten doch schon lange nicht mehr. Sie finden doch nur noch Billigramsch-Ladenketten und weltweite Franchisekonzepte. Da finden Sie doch kein kleines Geschäft mit heimatbezogenen Produkten und Besonderheiten mehr. Die Leute lassen sich abspeisen mit kleinen Gehältern, die ihnen ein bisschen Mobilität und billiges Essen ermöglichen. Dann wird täglich über Arbeitslosenzahlen berichtet, Ängste geschürt und die Leute in eine Schockstarre versetzt. Von Corona will ich gar nicht erst reden, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Aus Angst hält jedenfalls jeder den Mund und die Regierung hat freie Bahn. Das ist der Zustand jetzt. Ich bin jetzt 74, arbeite hier im Schwimmbad als Schwimmmeister. Ich könnte auch sagen, ich bin alt und mich geht das alles nix mehr an. Aber irgendwie geht das auch nicht. Ich: Ich bin jetzt seit über 300 Kilometern unterwegs. Was glauben Sie, in wieviel Kneipen ich einkehren konnte, um mich mit den Leuten zu unterhalten? Karl: In keine! Ich: Stimmt. Karl: Wahnsinn. Ich: Sie haben es erkannt. Das ist Wahnsinn, nicht der Mann mit dem Schild. Karl: Wir brauchen mehr Leute wie Sie, darf ich ein Foto machen. Ich gehe gleich zum Bürgermeister und erzähle ihm von ihnen. Ich muss kurz meine Kamera holen, dauert nur 10 Minuten. Ich bin gleich wieder da.