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15. September 2021

Der Abschied

Der Abschied

08.23 Uhr Der Gefährte fährt. Und zwar vom ältesten Bahnhof Deutschlands in Vienenburg. Ich begleite ihn dorthin, um mich angemessen zu verabschieden. Der Gefährte fabuliert von Bedeutung, historischer Aufladung und Sehenswürdigkeit dieses altehrwürdigen Gebäudes. “Übrigens”, so die Einleitung der nächsten scheinbaren Nebensächlichkeit: “Heute früh hat die Polizistin aus der Berichterstattung vom 03.09.2021 angerufen. Es sind bestimmt noch ‚weitere Ermittlungen‘ nötig“, mutmaßt er. „Zu der Du vermutlich eine ‚Zeugenaussage‘ machen musst, was unseren Aufenthalt im bergischen Wipperfürth anbetrifft“, lasse ich meiner Enttäuschung und Trauer einigermaßen freien Lauf, obwohl ich das verstehen kann (Hätte sie mich angerufen, weiß ich auch nicht, ob ich das hier weiter fortsetzen würde). Dirk T. hatte bereits auffallend häufig in den Tagen zuvor telefoniert. Wir Männer haben bekanntermaßen nah am Wasser gebaut, so verläuft die Trennung dann auch ziemlich feucht, mit Tropfen auf der Stirn und Schweißrändern unter den Achseln. Es ist einfach zu warm heute morgen. Es ist also, wie soll man sagen, eher eine männliche Form der Trennung: „Los jetzt, geh!“ ruft Dirk T. mir hinterher, damit es auch bei dieser, unserem Geschlecht konformen Form der Trennung bleibt. Die vorherige minutenlange Umarmung möchte ich dennoch nicht unerwähnt lassen. Zum Abschied schenkt mir der Gefährte seinen Hut, ich fühle mich nicht nur traurig, sondern auch geehrt. Ich muss mich umstellen, auf der rechten Schulter das Schild, in der linken Hand das GPS und mit dem Mund wird geredet. Ich stelle im Laufe der langen Route bereits nach sieben Kilometern in Osterwieck fest, dass ich das Schild kaum abstellen kann, wenn ich in der anderen Hand die GPS-Karte lesen muss. Ich bin ja nur ein Mann im Anzug mit einem Schild und einer Absicht. Während der heutigen Wanderung, die die Grenze von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt überquert, weitet sich das Land, die Felder strecken sich, die Häuser in den Ortschaften liegen weiter auseinander, die Entfernungen zwischen den Siedlungen werden größer und es ist beinah aussichtslos, irgendwo eine Möglichkeit zur Einkehr zu finden, von Geselligkeit mag ich gar nicht erst sprechen. Ich sehe kaum Leute auf den Straßen in den Dörfern. Es ist ein einsamer Tag für mich, so kann ich den Verlust des Gefährten zwar verdauen, wünsche mir allerdings Ablenkung von der Verdauung. In diese Umstellung vertieft, erreiche ich Badersleben, auch hier kein Mensch auf der Straße, keine Möglichkeit zur Einkehr. „Wo sind die Menschen?“, frage ich mich gerade, als ich einen älteren Herrn auf einem Wegekreuz in Badersleben antreffe, den ich frage, wo es denn weiter nach Huy ginge. Sie sind doch schon in Hü, erklärt er, es werde zwar Huy, also Ha, U, Ypsilon geschrieben, aber Hü ausgesprochen: „Zeigen Sie mal, wo wollen Sie denn hin?“ Ich zeige es ihm auf der Karte, er behauptet, dass sei doch nicht Hü, also H, Ü, das sei doch Dingelstedt, ich behaupte, ich trage das Schild zu Fuß nach Diegelstedt. „Nein“, erstens ist das nicht Diegelstedt, sondern Dingelstedt, zweitens ist das zu weit, und drittens ist das Schild zu schwer, soll ich Sie dahinfahren? „Nach Diegelstedt? Ich lehne dankend ab“. „DINGELSTEDT, also D, I, E, G, E, L, S, … äh, er verzettelt sich als eine Frau mit ihren zwei Töchtern interessiert anhält, und fragt, was denn hier bloß los sei? Ich wähne mich schon beinah in der Baderslebener Bürgervollversammlung bei solch einem Andrang von Leuten, nachdem ich zuvor keiner Menschenseele begegnet bin. Die Frau und Mutter im weißen SUV erklärt, am besten sei es, auf der alten Bahntrasse zu laufen, an der Landstraße gebe es nämlich keinen Fahrradweg. Das sei nicht ungefährlich. Ihre Tochter unterbricht immer wieder freudig die Konversation ihrer an der Suche nach dem Weg des geringsten Wiederstandes interessierten Mutter, indem sie immer wieder den Fensterheber betätigt und damit das Gespräch unmöglich macht. Als noch zwei Menschen interessiert dazu stoßen, wird es langsam unübersichtlich, seit ich über die ehemalige Grenze zwischen West- und Ostdeutschland gewandert bin, habe ich eigentlich noch keinen Menschen gesehen, ausgenommen die Autofahrer. Die beiden zeigen sich respektvoll erstaunt über so viel Einsatz und nutzen die Gelegenheit über die inzwischen unverhohlen gezeigte Arroganz der Macht, die überall bereits nachgewiesene Korruption in Politik und Wirtschaft wie über die Ignoranz der Bevölkerung zu berichten. Es gebe nur noch eine Meinung, alles nicht Stromlinienförmige werde beschimpft, bekämpft und lächerlich gemacht. Das Denunziantentum wird protegiert und mit Geldgeschenken belohnt – das nennt man Faschismus. Ich behaupte, dass ich im Westen auf so deutliche Worte mehr als eine Woche hätte warten müssen, im Osten sei das immerhin schon nach einer Stunde möglich. Die beiden behaupten, das ähnliche Erfahrungen noch im Bewusstsein der Menschen hier vorhanden seien: „Bis die Leute im Westen aus dem Sessel kommen, ist es hoffentlich noch nicht zu spät“, hoffen die beiden. Thea ermuntert Theo, er könne doch mitwandern. Theo behauptet, er müsse Dienstag wieder zur Arbeit, also könne doch Thea mitwandern, die behauptet aber, sie müsse sich um die Kinder kümmern, glaube aber, das Theo eher abkömmlich wäre, der bestreitet das und man einigt sich darauf, dass man mich sowieso festnehmen werde, sobald ich Berlin erreiche. Sie bieten mir noch freundlicherweise eine Flasche und Butterbrot an, dass ich dankend mit der Begründung ablehne, schnell weiterkommen zu müssen. Ich verabschiede mich, Thea macht noch geschwind von Theo, mir und dem Schild ein Bild, ich schultere das Schild dann in Richtung Diegelstedt, äh, Dingelstedt. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, diese Strecke zu erlaufen und den Text zu schreiben, es ist wahrscheinlich die für mich noch neue Situation, ohne Gesellschaft unterwegs zu sein. Das mag vorläufig beschleunigen, langfristig wohl eher lähmen. Die Einsamkeit und die langen Wege, die mit einem Schild auf der Schulter bewandert werden, die unvorhergesehenen Ereignisse und Begegnungen muss ich nun allein aushalten, das mag beschleunigen oder in Einsiedelei, Eigensinn und die Eigenbrötlerei führen. Wir werden sehen. Ich habe kaum Dingelstedt erreicht, als mich eine Frau, einen örtlichen Supermarkttransporter fahrend, anhält und wissen möchte, was ich vorhabe. Ich schildere meine Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes, sie berichtet beflissen, bestens informiert und gebildet über das Ungemach der Fiat-währungen der EZB, die die Hochfinanz erst so mächtig und einflussreich gemacht habe. Ihr Lösungsansatz sei eine Wiederanbindung der Währung an materielle Gegenwerte. Sie tue das für ihren fünfjährigen Sohn, sei selbst, wie ich ja sehen könne, zwar in einigermaßen sorgenfreien Verhältnissen, zeigt auf die Supermarktwerbung auf ihrem Auto, würde sich aber für ihren Sohn engagieren. „Was auf uns zu kommt, müssen wir stoppen“, fordert sie freundlich, aber bestimmt. Wir unterhalten uns über die Chance, über die Krise erst zu wahrer Gemeinschaft zurückzufinden, in der sich die Menschen wieder unterstützen und sich gegenseitig helfen. Sie lädt mich auf eine Fleischwurst an die Fleischtheke im örtlichen Supermarkt ein, hole jetzt ihren Sohn ab, informiere aber ihre Kollegen. Ich bedanke mich, freue mich sehr über das Angebot und nehme ihren Beitrag gerne mit dem Schild nach Berlin und in dieses Reisetagebuch hinein. Ich bin erstaunt über so viel direkt bekundetes Interesse mit Unterstützungsangeboten an einem Tag im Osten Deutschlands, die ich in den gesamten 14 Tagen im Westen nicht erhalten habe. Das mag Zufall sein, der Gedanke begleitet mich aber trotzdem bis in den Abend und soll diesen Bericht abschließen. Gute Nacht an alle, wo immer Sie sein mögen, im Westen oder im Osten.