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14. September 2021

Jesus von Goslar

Jesus von Goslar

Etwas wacklig auf den Beinen, aber die Sonne im Herzen wie am Harzer Himmel treffen wir entlang der ehemaligen Bergbaubahntrasse an der Innerstetalsperre entlang spazierend als erstes auf mit Motorsägen ausgestattete Holzfäller: „Na, werden wieder Bäume geschlachtet?“, entweicht es dem sich zum Naturfreund verwandelten Dirk T. etwas zu deutlich, um ignoriert zu werden. Wir ernten skeptische bis abschätzige Blicke, kein Wunder bei unserer Aufmachung. Diese Blicke perlen inzwischen an uns ab, wie der Morgentau vom uns umgebenden Blattwerk. Später begegnet uns ein an uns vorbei radelndes älteres Pärchen, das sich umdreht und konzentriert, er leicht schmunzelnd, sie etwas irritiert, zum Schriftzug des Schildes hochschaut, schließlich seine Fahrt nebeneinander fortsetzt, um sich besser über das soeben Beobachtete unterhalten zu können. Etwa eine Stunde später kommen sie uns entgegen, freundlich grüßend fährt der ältere Herr weiter, die Fahrradfahrerin hält an: „Sagen Sie mal, wie kommt es denn, dass Sie hier mit einem Straßenschild herumlaufen, wo sie hier doch keiner sieht?“ Warum gehen Sie damit nicht in die Stadt?“ „Weil das hier der direkte Weg nach Berlin ist“, gebe ich zurück und erläutere in wenigen Worten präzise die Hintergründe samt Absicht, das Schild vor das Parlament tragen zu wollen. Nach einem Moment des Überlegens, stellt sie fest: „Also wir sind ja jetzt Rentner, wir wollen nur noch unsere letzten Jahre genießen. Aber stellen Sie die Frage nach dem Sinn von Umwegen und großen Widerständen besser den jungen Eltern. Sie sollten sich mal langsam um sich und die Zukunft ihrer Kinder kümmern. Schönen Tag noch“, beendet die resolute, ohnehin etwas leicht Verbissenes ausstrahlende ältere Dame das Gespräch. Sie hatte die ihren Kinderwagen vor sich herschiebenden jüngeren Elternpaare, die die Äußerung nun als an Sie adressiert bewerten und sich wundernd über diese pauschale Verurteilung äußern, nicht sehen können. „Kommen Sie doch erst Mal selber aus ihrer Komfortzone raus“, schützt einer der jungen Väter seine Familie und Freunde: „Wir haben hier gerade eine weitere schlaflose Nacht hinter uns!“. Die ältere Dame tut so, als hätte sie das nicht gehört und fährt überhastet davon. „Es sind ja immer die anderen Schuld“, fasst Gefährte Dirk T. die Szene pointiert zusammen und behauptet: „Also wenn man sich so immer aus der Verantwortung stiehlt, wird das hier nix.“ Wir erreichen Astfeld, überlegen uns, auf ein Getränk kurz einzukehren. Am ersten Restaurant angekommen, steht dort: „Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen“. Die Kneipe, wenige Meter weiter hat auch, lebt auch nicht mehr. Das Pendant um die Ecke musste auch aufgeben. Nur vor der Apotheke stehen die Leute Schlange und beobachten misstrauisch die an ihnen vorbei Wandernden mit dem Straßenschild. Drei Feldwege weiter treffen wir auf ein anderes Radfahrerpaar. Der Mann begrüßt uns belustigt mit den Worten: „Das ist genau mein Lebensmotto. Von welcher Partei sind Sie denn?“ Ich stampfe drei Mal kräftig mit dem Rohrpfosten auf den Asphalt, inzwischen mittelmäßig genervt von dieser wiederholt viel zu ungenauen Wahrnehmung oder Wahrnehmungsfähigkeit meiner Mitmenschen. „Ach, ich glaube, ich weiß es schon“, winkt er ab und steigt wieder auf sein Fahrrad, um einem Gespräch aus dem Weg zu fahren. Allerdings entdeckt seine Frau etwas in dem sich ihr bietenden Anblick, dass ihr zunächst Respekt einzuflößen scheint, bevor ein leichtes, aber ernstes Schmunzeln in Form von Grübchen ihr Gesicht erhellt. Die folgenden Informationen lassen die zunächst etwas herablässigen Worte des Mannes erblassen und nötigen den beiden beinah schon zu viel Respekt ab: „Das ist wirklich etwas Erstaunliches, was wir hier gerade miterleben dürfen. Ápropos, dürfen wir ein Foto machen?“ Wir freuen uns weiterhin über einen wundervollen Wandertag über Wald und Feld um Goslar mit Picknick im Wald, es geht leicht aber stetig bergab. Die Strapazen beim Durchqueren des bergischen Landes, über Berg und Tal des Sauerlandes und seine Ausläufer ins Weserbergland scheinen nun ihren wohlverdienten Ausgleich zu finden. Spät am Abend im Restaurant Klosterkrug des Klosters Woeltingerode beklagt einer der Kellner den Mangel an Personal, den Mangel an Gästen, den Mangel an Mut und schildert seine eigene Resignation, was die politischen Perspektiven in diesem Land betreffen. Er wähnt sich längst in chinesischen Verhältnissen und bekräftigt, er wüsste, dass dies längst beschlossen sei. Natürlich gebe man das nicht zu: „Wir erleben hier gerade eine häppchenweise Einführung gesellschaftlicher Verhältnisse à la China mit einer Prise Diktatur an einem Hauch von Größenwahn und einer Note von Führerschaft. Guten Appetit!“ Wir erreichen die Remise des Klosters, um unsere wohlverdiente Nachtruhe anzustreben. Kaum schlafen gelegt, werde ich wach, als sich ein noch junger Mann in Jeans, braunem Kurzhaarschnitt und Hipsterbart sich als Jesus vor- und seinen Körper an mein Bett stellt. „Jetzt reicht’s!“, bricht es aus mir heraus: „Erst Polizei, dann Verfassungsschutz, Hänsel und Gretel, später Lutter und jetzt auch noch Jesus“, wähne ich mich im nächsten Fieberwahn. „Ich will doch nur meine Ruhe haben und diesen Weg hier gehen. Was ist daran so falsch!“, purzeln mir die Worte unkontrolliert aus dem Mund. „Nichts. Genau deswegen bin ich hier. Morgen wird Dich der Gefährte verlassen, Dir seinen Hut schenken und einen anderen Weg einschlagen. Er hat Dir beim ersten Sturz unter dem Schild geholfen. Ab jetzt werde ich das tun. Aber schliessen Sie doch bitte die Tür ab, sonst kommt vielleicht noch jemand rein“, verabschiedet sich Jesus und wünscht eine gute Nacht.