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13. September 2021

Halbe Strecke oder Du gehst heute keinen Meter

Halbe Strecke oder Du gehst heute keinen Meter

Nachdem ich morgens wach werde, mein hohes Fieber und die Vergiftung durch das ungesunde Abendessen abgeschüttelfrostet ist, ordnen mir meine Begleiter, als ich den Vorschlag mache heute nur 20 Kilometer zu gehen, einen Urlaubstag an: „Du gehst heute keinen Meter“, so der ständige Begleiter Dirk T.. Zeit also, innezuhalten und die bisherigen Erlebnisse auf möglichst vielen Ebenen zu verdauen. Die körperliche Ebene dieser Prozesse hat ihre Signale bereits überdeutlich gesendet, der Geist schließt sich an mit einer Überfülle an Erlebnissen, die u. A. zu diesen Texten kondensieren, die ich aus Mangel an Zeit selbst nicht ein zweites Mal lesen kann, was zu neuerlich nur halbverdauten Zuständen führt. So möge man mir die sich eingeschlichenen Fehler und Ungenauigkeiten in Satzbau, Satzgefüge und Satzinhalt wie in Wortwahl, Satzzeichen und Schreibfehlern nachsehen. Meine herzliche Verbundenheit möchte ich allen, die mit Hingabe und den vielfältigsten Zuwendungen aller Art den Menschen versichern, die mich mit der notwendigen Energie versorgen, um in die so unterschiedlichen Lebenswelten der mir begegnenden Menschen einzutauchen und ihnen mit Zuwendung, Gehör und Verständnis zu begegnen. Den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen ist das eine, die Irritation dieser Konfrontation der Öffentlichkeit mit diesem aus ihrer Sicht unfreiwillig servierten Bild des Wanderers im Anzug mit Schild und der Aufschrift „Weg des geringsten Widerstandes“ auszuhalten das andere. So gibt es unterschiedlichste und unvorhergesehene unmittelbare Reaktionen in Anbetracht des ungewohnten Bildes. Sobald das Gesehene die unsteuerbare Ebene der Gefühle passiert hat, wandert es auf die Gedankenebene und erfordert einen Abgleich mit der bisher erlebten eigenen Erfahrungswelt. So kommt es zu offener Ablehnung, gezeigt durch verdrängendes Wegschauen, Sprüche- und Schulterklopferein oder Spott zur Sicherung der eigenen subtil indoktrinierten Lebenswelt, über offen gezeigte Unsicherheit in Anbetracht des soeben Wahrgenommenen bis zu tiefster Rührung, Akzeptanz und Respekt vor diesem Anliegen. Möge die Absicht, die diesem Projekt innewohnt, Durchlässigkeit, Offenheit und Mut, den eigenen Weg zu gehen, ausstrahlen über die unmittelbare Wahrnehmung hinaus, ist das Motiv, dass uns antreibt. In diesem Geiste bin ich verbunden mit Frauke Schumann, deren wundervolle Fotografien dieses freud- wie leidvolle Projekt für die Nachwelt festhalten und die für die permanente Bereitstellung von Text und Bild sorgt, genau wie mit Achim Köhler, der sich ebenso freiwillig und achillissehnengeplagt sein Kamera-Equipment umschnallt und mitläuft, Dirk T., der immer noch keine Anstalten macht, aufzugeben, Helm van Hahm, der mental und tatkräftig mithilft, die Wanderer zu stabilisieren, Astrid H., deren herzliche Fürsorge, Gelassenheit und Fähigkeit, im Hintergrund immer bereit zu stehen mindestens ebenso wichtige Beiträge sind. Dirk S. Und seine Frau E., die Bau- und Siedlungsgenossenschaft für den Kreis Herford e.V, wie Nicole S., Josef Bauer und Mareike S., mit der ich früher in ein WG zusammenwohnen durfte. Noch ein Wort zu den Umständen, mit denen wir unterwegs konfrontiert werden. Diese Art des Reisens ist beinah unmöglich geworden. Die sympathische oder naive Entscheidung, einfach loszugehen ohne Gewissheit, wo man morgen anlanden kann, ist bis ins Unmögliche erschwert. Das permanente Suchen nach Orten zwecks zertifizierten Nachweisens der eigenen Gesundheit, um eine Unterkunft zu erwirken, die langen Strecken ohne Kenntnis, wann und wo die nächste Versorgungsstelle auftaucht, die es geschafft hat, zu überleben und noch geöffnet ist. Viele haben kein Personal und keine Kundschaft mehr und mussten bereits Schließen und kein Ende dieser sich immer weiter zuspitzenden Situation scheint in Sicht. So sind wir heute einen Tag länger in unserer Herberge in Oldershausen geblieben, da sich die Dame, die dieses Haus führt, uns anvertraut hat in ihrem Leid, das Haus gerade vollständig renoviert zu haben, bevor sie diese allumfassende Krise mit ausbleibender Kundschaft und Einnahmeeinbruch erwischte. So bietet uns ein guter Geist an, uns am nächsten Morgen nach Langelsheim zu bringen, um heute ein wenig Luft zu holen, zu verschnaufen, neue Kraft zu schöpfen und uns der Verdauung dieser bis hierhin halben Reishinzugeben. Die Menschheit hat in Äquivalenz zu unserer Reise in dieser Unbekümmertheit, Unbeschwertheit und Ungewissheit 50.000 Jahre überlebt, bevor die industriellen Revolutionen diese Unbekümmertheit ausmerzten zugunsten einer Bekümmertheit, die in Planung, Programmen und Medikationen mündet. So möge diese Form der Unbekümmertheit dieser Reise ausstrahlen auf Dich, geschätzter Leser/geschätzte Leserin und integriert werden in das Leben, so dass sich die Verhältnisse aus sich selbst heraus erneuen. In diesem Zwiespalt saßen wir heute Abend nach zu langer Suche nach einem Zugang zum See beisammen in scheinbar unberührter Natur mit Blick auf den See, in dem Fische leben, am Ufer gegenüber gedeihen Bäume, Sträucher mit Blumen am Ufer. Was für Geschenk der Natur, von der der Mensch glaubt, er könne durch Eigentumsrechte den Zugang zur Natur und ihrer Erfahrbarkeit reglementieren und ihn exklusiv für sich beanspruchen. Wer ist nun verrückt, der Mann im Anzug mit Schild oder die, die ihn genau dazu erklären?