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12. September

Stell dich nicht so an

Stell dich nicht so an

Wir laufen am heute auf Reserve: Es regnet, man meint, das Schild wird mit jeder Begegnung, jeder Beobachtung und jedem Bericht der Menschen über ihren Alltag in Deutschland im Jahr 2021 schwerer und schwerer. Der Gefährte fordert: „Stell Dich nicht so an!“, was sich im Laufe des Tages mehrfach wiederholen wird, und pfeift ein Liedchen: „Hoch auf dem gelben Wagen!“, vermutlich inspiriert durch die vielen Wahlwerbeplakate einer Partei mit gelber Signalfarbe. Wir erreichen irgendwann Lutterhausen, nachdem wir uns heute entschieden haben, den Fahrradweg entlangzuwandern. Wir wollen vermeiden, uns erneut in den tiefen deutschen Wäldern zu verirren, wären Hänsel und Gretel nicht gewesen, hätten wir wohl nicht mehr herausgefunden. Es sind heute schon wieder beinah 30 Kilometer Wanderstrecke. Ich fürchte, meine Kräfte verlassen mich so langsam, gestern Abend gab es für mich ein kaum verdauliches, angeblich indisches Gemüsegericht, dass mich doch eher an ein mediterranes, überbackenes Gemüse erinnerte. Am Abend sollte mir davon schlecht werden, das weiß ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Nur ein ungutes Gefühl im Bauch schleppe ich mit durch den Tag. Als ich Dirk T. über meinen Zustand in Kenntnis setze, erinnert er daran, dass wir hier Aufträge zu erfüllen haben: „Stell Dich nicht so an!“, höre ich schon zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde. „So viele persönliche Geschichten, nehmen wir mit auf die Reise, da können wir das Vertrauen der Menschen nicht enttäuschen“, fordert er zu Recht. In Lutterhausen angekommen, fragt Dirk T. plötzlich unvermittelt, was Lutter eigentlich angestellt habe, als uns ein Mann, der sich in brauner Kutte und Sisalseil um die Hüften auf der Straße in langsamen Schritten uns entgegenkommend fortbewegt, dann seinen Hut hebt, wie um seine Tonsur zu zeigen und sich als Martin L. vorstellt. Wir vermuten, er macht in dem schönen Ort Lutterhausen eine fast gleichnamige Führung. Wir trumpfen sofort mit unserem Wissen auf, er hätte dafür gesorgt, dass es seit geraumer Zeit zwei römische Religionen gebe, was Martin L. wütend macht. Er behauptet, dass sei vollkommen anders gemeint gewesen, jeder hätte seine eigene Religion in sich, da gibt es nichts zu gründen und zu strukturieren, wütet der ganz schön in Rage geratene Kirchenmann bzw. sein Platzhalter. Es gäbe so viele Religionen, wie es spirituelle Menschen auf dieser Welt gebe. Als die Glocken der lokalen Kirche zum Gottesdienst läuten und er sieht, dass die Leute an ihm vorbei zur Kirche fahren und gehen, gerät der Gottesmann so richtig in Rage und kann nicht an sich halten: „Da komme ich extra mit einer guten Idee, und die Leute haben nix Besseres zu tun, als es umzuleiten in genauso überflüssige Strukturen. Heute heben Sie halt nur den linken Arm, die sollten mal lieber mit Ihnen gehen, wenn schon das Leben in Form von Euch beiden hier vorbeikommt.“ Leicht überfordert von so viel Aggression, verlassen wir die angespannte Gegenwart der Lutterkopie und geraten auf wundersame Weise ins tibetische Hochland. Die Landschaft, die Pflanzen und die Wege sind verändert und wir durchschreiten die Welt in einem eher wärmeren Sonnenlicht. Allerdings hängen, zu unserer Überraschung dieselben Wahlplakate hier überall herum wie in unserem Land. Wie das genau dieser Übergang geschehen konnte, bleibt ebenso unklar wie vieles andere auf dieser so wundersamen Reise. Wir nehmen nur ein sanftes Hinübergleiten in eine andere Welt wahr. Zunächst liegen beide Wirklichkeiten wie transparente Layer übereinander, wir vermuten einen gephotoschoppten Jux des Staatsschutzes, beobachten aber, wie die Ebene des Göttinger Umlandes schwächer und schwächer zu werden scheint zugunsten dieser wundersamen Hochebene. Plötzlich gelangen wir an eine Garage, die als offenbar als Wahllokal dienen soll. Dort befinden sich hinter einer Plexiglaswand vier seltsame, beinah bewegungslose männliche Wesen, die Auskunft darüber geben, dass in Tibet gerade heute der neue lokale Martin L. gewählt werden soll. Der letzte sei ein bisschen, naja, zu äh, sagen wir linksradikal gewesen, so äußert sich einer der Herren: „Der linke Arm ging immer nach oben, wenn Sie verstehen.“ … Hier könne mann seine Stimme abgeben. Ich erläutere auf Nachfrage mein Erscheinen in Anzug und mit Schild, erkläre unserer Herkunft aus weiter Ferne, um dann nach einem gemeinsamen Souvenirfoto für die alltägliche Berichterstattung zu fragen. Ein Stimmenwirrwarr entsteht, bis sich einer der Männer erhebt und um Ruhe bittet: „Ich bin hier schließlich der Wahlleiter dieser Kommunalwahl und habe das zu entscheiden.“ Und er wisse es nicht. „Aha!“, reagiere ich etwas irritiert. Vermutlich genau, wie die tibetische Wahlkommission, die sich dann doch mehrheitlich, da der Wahlleiter ja nicht weiß, wie er entscheiden soll, für ein Gruppenfoto ausspricht. „Aber dann müssen wir ja alle jetzt die Masken aufsetzen“, wendet der Vorsitzende verlegen ein: „Masken auf!“ ordnet er an. Wir verabschieden uns, als wir gegenüber einer Holzhütte mit allerlei selbstgezogenem Gemüse, Säften und Kürbissen entdecken. Wir wähnen uns schon in der nächsten unvorhergesehenen Szene, Dirk T. glaubt langsam nicht mehr, dass hier alles mit rechten Dingen zu gehe. „Tut’s auch nicht“, erkläre ich, denn erstaunlicherweise haben wir heute noch nicht den dunkelblauen Golf gesehen, der immer hier und da auftaucht. Stattdessen steht später ein schwarzrotgoldener VW-Bulli am Straßenrand. So auffällig wird man uns doch wohl nicht beschatten. Sicherheitshalber hatte Dirk T. ja seine Mobilfunknummer an den Dobermann rausgerückt. Aber weiter im Text, wir wollen uns gerade am Gemüse- und Saftangebot verdingen, als eine Frau auf einem kleinen gelben Traktor über die Straße zu uns hinüber tuckert. Dabei blickt ihr großes Bewusstsein ähnlich wie ihre Körperfülle weit über den Treckerrand hinaus: „Hier ist keine Selbstbedienung“, ermahnt sie uns. Als ihr auffällt, dass ich das Geld bereits abgezählt parat habe, legt sich ihr Groll und es entspinnt sich ein wundervoll sensibles Gespräch über Phänomene unserer Zeit und wie man damit am besten umgehen könne. Sie bedauert die Verhältnisse in der Landwirtschaft, freut sich jedoch über den überraschenden Besuch eines Straßenschildträgers. Tagesabschließend, das Gespräch dreht sich gerade um den bei einer solchen Reise notwendigen Verzicht von gewohnter Nahrungsaufnahme und anderen Grundbedürfnissen, treffen wir auf einen der neuen Martin L.-Kandidaten, den wir schon von den vielen Wahlplakaten kennen. Wir durchqueren gerade eine Ebene mit tief von den Strommasten herabhängenden Stromleitungen, als der Kandidat uns erklärt, das es hier eine kaum wahrnehmbare, aber irgendwie doch im Rückenmark bis hinunter ins Becken bemerkbare elektrische Ladung zu verspüren sei, die bis in alle, wirklich alle Gliedmaßen zu verspüren sei. Als er dann behauptet, wir seien nun von unseren Erektionsstörungen befreit, wird es Zeit, diesen Tag abzuschließen. Es passiert einfach zuviel. Eine Bemerkung noch von dem mir so ans Herz gewachsenen Gefährten: „Also, hätte ich gewußt, dass es bei dieser Reise um Heilung geht, wäre ich zuhause geblieben …“ Am Abend gerate ich dann in einen Fieberwahn und muss mich früh schlafen legen. Das erklärt aber nicht diesen in vollkommener Klarheit geschriebenen Text: „Stell Dich nicht so an!“, wünscht mir der Gefährte eine gute Nacht.