11. September
All die Kilometer für diesen Moment

Die gestrigen 30 Kilometer lassen heute nur einen etwas langsameren Gang zu. Als wir Oedelsheim verlassen, haben sich die Gelenke langsam wieder an die permanente Bewegung gewöhnt. Wir erfreuen uns der heute angenehmen Temperaturen, es liegt allerdings etwas Tropisches in der Luft. Es hat gestern zu viel geregnet. Wir erreichen den Wald hinter Oedelsheim, der Boden ist tief, die gestern so strapazierten und beschuhten Füße sinken tief in den Waldboden ein, von oben hängen die Äste so tief, das Schild muss oft gebückt unter den Bäumen hindurch getragen werden. Wir erahnen einen weiteren Tag voller Anstrengung. So arbeiten wir uns langsam die unwegsamen Waldwege vorwärts, wir unterhalten uns über unser Schicksal, bei jedem Wetter, beinah zu jeder Uhrzeit und bei jedem Untergrund unterwegs sein zu müssen in dem noch so triefendnassen Wald, als uns plötzlich von links eine männliche Stimme anspricht: „Das ist aber ein interessantes Bild!“ Dirk T. fällt vor Schreck beinah aus der von einem Traktor tief in den Boden gefahrene Wegfurche, ich meine auf eine neuerliche Halluzination rein zu fallen. Als die Stimme erneut anhebt: „Ein Straßenschild im Wald? Im Anzug? An einem solchen Tag? Was hat das zu bedeuten? Wir erklären schnell unser Anliegen, zu Fuß mit dem Schild nach Berlin zu gehen, als der Mann seinem eigenen Erscheinungsbild und dem seines Hundes so gar nicht zu entsprechen scheint. Er fabuliert feinsinnig von großem Verantwortungsgefühl seiner Generation gegenüber den Kindern, in diesem Land sei schließlich schon einmal die Verantwortung komplett verloren gegangen. Wir stünden in der Pflicht, so etwas nicht noch einmal zu zu lassen: „Wir müssen unsere Nachkommen daran erinnern, achtsam, vorsichtig und immer kritisch zu bleiben.“ Er sähe derzeit dunkle Machenschaften am Werk und freue sich über soviel bildgewordenes Verantwortungsgefühl. Gefährte Dirk T. behauptet, es sei bestimmt gutes Pilzwetter. Der Mann mit Hund erklärt daraufhin, sein Kampfhund hieße Rotkäppchen, habe eine ausgezeichnete Spürnase für Pilze und bereits allerlei Leckerli gefunden. Ob er uns seine Pilzsammlung mal zeigen könne, fragt uns der im Wald unverhofft Antreffende. Der Mann mit Hund behauptet, wir könnten nach dem Konsum der Pilze bis zum nächsten Etappenziel fliegen, das Schild wäre doch ein prima Besen… Als wir Ahlbershausen erreichen, helfen wir für einige Momente einem älteren Landwirt bei der Kartoffelernte. Er vertraut uns an, dass er bald 80 Jahre alt sei, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts habe sein Vater für ein von ihnen groß gezogenes Schwein 400 Mark bekommen, heute bekomme man für dieselbe Leistung nur 250 €: „Und das in dieser Zeit, das ist kaum zu glauben. Aber was soll man machen?“ fragt er und wendet sich wieder seinen Kartoffeln zu. Wir verabschieden uns, versprechen aber, seine Geschichte mit nach Berlin zu nehmen: „Zumindest ist das eine gute Aktion, die Ihr da macht“, ermuntert er uns. Wenig später treffen wir erneut auf Rotkäppchen und sein Herrchen. Wir erzählen von der Begegnung mit dem Landwirt, er zeichnet allerdings ein anderes Bild und behauptet: „Wer seinem Tier ein KZ baut, braucht sich nicht zu wundern, wenn er selbst von seinem Herrchen in eines gesteckt wird …“ Bis die Information verdaut ist, vergeht ein bisschen Zeit, die wir nutzen, um erneut über die Wirkung von seinen Fliegenpilzen zu plaudern. Er gibt vor, dass der Fliegenpilz nicht nur Flügel verleiht, wir könnten damit sogar telepathisch praktisch mit allem kommunizieren, was nicht bei drei auf den Bäumen sei. „Auch mit der künstlichen Intelligenz?“, fragt der schlaue Gefährte Dirk T. „Dann müsste es wohl erst mRNA-Fliegenpilze geben“, erklärt Rotkäppchens Herrchen zunächst belustigt, bevor die Belustigung mit einer tief hinter dem Humor verborgenen Ahnung von Wahrheit in ein Gefühl der Beklemmung kondensiert, genau wie das Wetter, dass etliche Regenwolken formt, die ihren Inhalt wie das Wissen unaufhörlich in unser Bewusstsein tröpfeln lässt. Als wir klatschnass Lichtenborn erreichen, kommen wir noch gerade rechtzeitig zur Vollversammlung der örtlichen Feuerwehr. „Wir können das von hier nicht lesen, kommen Sie doch näher“, ermuntern mich die in Uniform angetretenen Feuerwehrleute. Ich erläutere kurz dieses vermutlich für sie irritierende Bild des kostümierten Mannes mit Straßenschild, als einer der Männer behauptet: „Das sei exakt sein Lebensmotto“. Ich frage nach: „Ist es wirklich so?“ „Naja“, schränkt er ein, um dann doch wieder zur soeben geäußerten Meinung zurück zu kehren: „Alles andere ist doch viel zu anstrengend“. Die anderen Uniformen pflichten ihm bei: „Wenn ich den Weg des größten Widerstandes gehen würde, hätte ich ja noch mehr Arbeit.“ Ein anderer behauptet: „Der Weg des geringsten Widerstandes wird doch viel besser bezahlt!“ Einer Frau in der Gruppe der 12 bestimmt pflichtbewussten und verlässlichen Feuerwehrleute, der einzigen Anwesenden ohne Uniform, treibt es ein leuchtendes Funkeln in die Augen und ein Lächeln umspielt ihre Lippen. „All die Kilometer für diesen Moment“, höre ich noch Dirk T. sagen …
