10. September
Nette Sache

Morgens um 8.17 Uhr brechen wir auf. Auf dem Weg aus dem Hotel, das Schild ist gerade geschultert, als mir eine ältere Dame entgegen murmelt: „Wir haben schon genug Schilder in der Stadt. Sowas brauchen wir hier nicht!“ Deswegen verlassen wir Hofgeismar, zunächst auf der Landstraße, bevor es über Feldwege, über den bewaldeten Langberg nach Oedelsheim gehen soll. Wir begegnen einer Gruppe behinderter Jugendlicher auf dem Weg ins Schwimmbad: „Da trägt einer ein Schild bei sich“, ruft einer aus der Gruppe amüsiert, die anderen Winken. Der Betreuer fragt: „Wo habt Ihr das Schild denn geklaut und wo ist denn überhaupt der Weg des geringsten Widerstandes?“ Ich erkläre, dass den wohl jeder selbst finden müsse, als er entgegnet „Der Weg des geringsten Widerstandes ist doch die Hauptstrasse von Hofgeismar“. Leichtfüßig beschwingt biegen wir auf einen Feldweg ein, als ein Hochsitz auf unserer Route auftaucht: „Los, geh da ma rauf!“ muntert mich der offenbar soeben erwachte Gefährte Dirk T. auf: „Das wird ein super Foto.“ Behände klettere ich samt sperrigem Schild auf den Hochsitz, oben angekommen, das Schild einigermaßen aus- und den Blick gen Horizont gerichtet, summt es plötzlich ziemlich laut erst an meinem Ohr, dann überall. Ein Hornissenschwarm hat wohl auf der Rückseite des Hochsitzes sein Nest, fühlt sich nun von mir bedroht. Überhastet werfe ich das Schild vom Hochsitz und klettere zum großen Erstaunen von Dirk T. vorwärts die steile Leiter hinunter. Unter dem Applaus des ständigen Begleiters: „Unterm Schild bist Du nie so schnell“, komme ich nur einmal am Handgelenk gestochen unten an. Die anderen Stiche hat wohl das graue Karriereleiterkostüm abbekommen: „Ich wusste gar nicht, wie gut diese Anzüge sind“, behauptet Dirk T. besonders mitfühlend. Wir überlegen noch, was die Hornissenpopulation eigentlich provoziert haben mag, der anthrazitfarbene Anzug oder das Schild, als meine Hand zu taub wird, um das Schild weiterhin zu tragen. So wird das „Gepäckstück“ auf die andere, nach zehn Wandertagen und etwa 240 Kilometern inzwischen auch mit Pusteln übersäte Schulter gelegt: „Wir müssen weiter“, motiviert Dirk T. mich, den inzwischen stärker benommenen Kostümträger mit Schild. Als wir den nordhessischen Wald und das Dilirium endlich seinen Höhepunkt erreichen, stehen wir plötzlich einem Jungen und seiner kleinen Schwester gegenüber, die Hand-in-Hand durch den Wald streifen. Es sind Hänsel und Gretel, wir freuen uns über die unverhoffte Begegnung im deutschen Schilderwald, sie erklären uns, als wir sie nach dem Weg aus dem Wald fragen, wir sollten doch einfach ihren Brotkrumen folgen. Leider könnten sie uns nicht begleiten, sie müssten ja das Märchen zu Ende erleben. Wir bedanken uns für diese Zwischenmahlzeit und freuen uns über diese überraschende Begegnung. Dirk T. Singt: „Ein Männlein geht im Walde ganz still und stumm. Es hat vor lauter Purpur ein Schildchen um. Wer mag wohl das Männlein sein, das hier trägt das Schild allein? …“ Als wir das Dorf Beberbeck erreichen, wartet am Ortseingang ein Männlein, um uns zu fragen, was wir hier mit diesem Schild zu suchen hätten? Wir geben vor, den Weg des geringsten Widerstandes finden zu wollen, hätten gerade Bekanntschaft mit einem Hornissenvolk gemacht, was die Fortsetzung der Suche allerdings gefährde, da die Hand des Schildträgers langsam ertaube. Der Mann behauptet, er habe sich auch vor 37 Tagen impfen lassen, seitdem habe er keine unangenehmen Begegnungen mehr mit Insekten: keine Mückenstiche, keine Wespen beim Essen, selbst die Fliegen verlassen die Toilette, wenn er sie betrete: „ist das nicht toll?“, fragt er uns sichtlich begeistert und erklärt uns den Weg zur Einstichstelle in der Gebrüder Grimm Straße. Zum Glück kommt der große Regen, das Männchen zerfließt zur Pfütze. Das Schild wird nass und über den Langberg nach Oedelsheim getragen. Unterwegs treffen wir auf Kompra, der die Performance des Mannes im Anzug mit dem Schild als: „Nette Sache“, empfindet. Die durch den Hornissenstich erworbene geistige Klarheit ermöglicht mir ausnahmsweise eine außergewöhnlich präzise, konziliante und wohlfeil vorgetragene inhaltliche Erläuterung des so komplizierten Weges des geringsten Widerstandes, dass Gefährte Dirk T. gewohnt elegant unterbindet: „Und watt machen Sie so?“ Kompra erklärt, dass Wasser ab einem bestimmten Winkel immer den Weg des größten Widerstandes nehme, nur so würden überhaupt Lebensräume für die Tierwelt geschaffen. Er arbeite an der Renaturierung der Welt, nachdem über Jahrzehnte so viel Energie in die Denaturierung der Welt investiert worden sei. Er sei Architekt und arbeite mit einem Biologenteam daran, verstehe einerseits, dass die Politik es wirklich schwer habe, zu gestalten, weil sofort alle möglichen Klagen auf dem Tisch lägen. Andererseits würden so viele fragwürdige Entscheidungen getroffen, dass sich insgesamt eine große Starre zeige. So hätten es die Politiker auch nicht leicht. „Nette Sache…“, will ich mich gerade wieder aus dem fieberndem Hornissendilirium heraus und zurück in das so interessante Gespräch bringen, bemerke aber, dass ich wohl nicht den richtigen Ton getroffen habe, als Dirk T. behauptet: „Wir müssen los!“ Ich glaube, ein Hornissenstich täte ihm mal ganz gut. „Nette Sache!“ ruft Kompra noch hinterher, als ich das Schild bereits geschultert und mich in Bewegung gesetzt habe. Der Rest ist Schweigen im stundenlangen Dauerregen … Kommentare: Helm van Hahm am 0909.21 um 23.2 Uhr Nach diesem Polizisten-Akt kann Euch jetzt nix mehr passieren. Das war die Hauptprüfung. Und ich weiß, dieses Wochenende liegt etwas Helles über Euch. Mit der Rüstung Gottes werdet Ihr über die Berge getragen. Und ab und zu mal ein Stückchen Schokolade nachwerfen :)... Und wie heißt noch in einem berühmten Lied: "Always look on the bright side of Life".
