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8. September

Heim ins Reich

Heim ins Reich

Wir bewegen uns morgens um 8 Uhr auf die Diemel zu, um festzustellen, dass das die falsche Richtung ist, um auf den Wanderweg über Rohden nach Warburg zu gelangen. Heute möchte ich möglichst wenig Landstraße gehen, dafür nehme ich gern einen Umweg in Kauf. So laufe ich unter größter Beobachtung die Hauptstraße in Marsberg rauf und runter, als eine Frau mit Maske mir im vorbei gehen zu verstehen gibt: „Und Sie zerstören hier die Stadt, oder was?“ Etwas dunkles scheint über dem heutigen Tag zu liegen, so der hellsichtige Begleiter Helm van Hahm hinter vorgehaltener Hand. Eine Kolonne Straßenbauer arbeitet ungeachtet des an Ihnen vorbei getragenen Schildes einfach weiter. Über Feld und Flur, Wald und Wiese, Stock und Stein gelangen wir in trauter und tiefer Versenkung in uns selbst nach Roden. Mein Begleiter Helm van Hahm zieht sich zurück in den Wald, er hat das Essen von gestern Abend nicht gut vertragen, Danach zieht es ihn ins heimische Münster, nachdem die Strapazen der grestrigen Wanderung ihre Spuren hinterlassen haben. Etwas dunkles scheint über dem heutigen Tag zu liegen, wiederholt der hellsichtige Begleiter Helm van Hahm hinter vorgehaltener Hand. So gehe ich mit dem wieder genesenen Dirk T. einen Feldweg entlang, als uns ein Mann mit olivfarbener Bundeswehrwäsche langsam überholt. Einem inneren Impuls folgend, stellt sich meine Verfassung auf Achtsamkeit und Beobachtung um. An der nächsten Feldwegkreuzung steht uns ein Traktor mit schwerem und die gesamte Straße sperrendem Gerät gegenüber, tritt aufs Gaspedal, offenbar um uns mit zu teilen, dass wir den Feldweg frei zu geben haben. Mit strafendem Blick rollt er an den beiden auf das nächste Feld ausgewichenem Wanderern vorbei. Es muss die sengende Hitze sein, lassen wir die Launen der im Kreis Höxter lebenden Bewohner an uns abprallen. „In Warburg hat man schlechte Laune…“, trällert es aus dem anspruchslosen wie unerschütterlichen Dirk T. heraus. Wir treffen auf ein älteres Paar, beide Anfang 80, die voller Begeisterung den Vers auf dem Schild lesen und sich in Anbetracht des sich ihnen bietenden Bildes über Voltaire’s Candide, Novalis alias Hardenberg und etliche andere in der bildungsbürgerlichen Versenkung verschwindende Klassiker auslassen. Zu ihrer allergrößten Freude findet zwischen zwei Bäumen, zwei Gräben und zweier Gabelweihen im Angesicht des Waldecker Schlosses das tiefgründigste Gespräch statt, das sie seit langem geführt haben: „Darf ich Sie zum Schluss noch fotografieren?“, fragen die beiden amüsiert angeregt: „Das muss ich allen zeigen, das glaubt mir sonst keiner!“ Wenig später erreichen wir den Luftkurort Germete, als auf der Quellenstraße in Höhe des Hauses Nr. 26 die Polizei in viel zu hoher Geschwindigkeit auf der falschen Straßenseite fährt. Uns den Bürgersteig mit ihrem Warnblinklicht verblinkenden Wagen versperrend springen zwei junge Polizisten mit den Worten aus dem Auto: „Sofort stehen bleiben!“ „Wieso?“, frage ich weitergehend zurück, als der dunkelhaarige Polizist noch forscher die Aufforderung wiederholt und ergänzt: „Legen Sie sofort das Schild weg!“ „Wieso? Das ist doch meins“, antworte ich einigermaßen verblüfft als mich einer der beiden Polizisten brüsk mit der Hand am Halfter auffordert, meinen Ausweis zu zeigen. Die beiden Polizisten umstellen mich so, dass ich links und rechts nicht ausweichen kann, auf der anderen Straßenseite hält ein dunkelblauer Golf, ein Mann in zivil mit Spiegelsonnerbrille stellt sich so auf der anderen Straßenseite so auf, als müsste man meinen Begleiter Dirk T. auch noch in Schach halten. Ich kläre die Polizisten kurz auf, dass ich schon sagen müsse, wer ich sei und wo ich wohne, allerdings keinesfalls meinen Ausweis vorzuzeigen habe. Außerdem handele es sich hier um eine Kunstaktion und keinen Diebstahl, wie man dem Schriftzug relativ leicht entnehmen könne. Ich gebe meinen Namen und Wohnort an, das wird überprüft, man erwartet allerdings immer noch, dass ich meinen Ausweis vorzeige. Ich verlange daraufhin, einen Blick auf ihren Ausweis zu werfen. Es wird mir ein Dienstausweis gezeigt, der mir aus der Sicherheitsbranche bekannt vorkommt. Ich weise die Polizisten freundlich auf den Mangel an Ausweisung hin und wiederhole mein Wissen, um ein juristisch angemessenen Verhalten. Als ich erkläre, dass mein Ausweis bereits in der Herberge läge und ich diesen nicht vorzeigen könne, vermuten die beiden deutlich zu dienstbeflissenen Beamten eine Lüge und behaupten, mich gleich mit zu nehmen. Ich muss laut Schmunzeln, was den Herrn in zivil gegenüber überhaupt nicht in den kram zu passen scheint. So langsam verstehe ich diesen Auftritt in vollkommener Unverhältnismäßigkeit, in dem zwei junge Nachwuchspolizisten ihrem Vorgesetzten zeigen müssen, wie man bei Irritationen im Alltag durchzugreifen hat. Ich hatte bereits mehrfach geschildert, was Schild und Krawatte innerhalb dieser Wanderausstellung zu bedeuten habe, als den beiden vor Ungläubigkeit das Ultimatum einfällt: „Entweder Sie rufen jetzt ihre Partnerin an, damit sie Ihnen den Ausweis bringt oder wir nehmen Sie mit!“ Als ich entgegne, ich hätte eigentlich nichts dagegen, außer es gibt keinen Kaffee. Aber vorher möchte ich schon noch wissen, welche Rolle Sie hier in dieser Inszenierung eigentlich spielen?“ und schaue zu dem seltsam spiegelbebrillten, in süffisant überheblicher Art sich langsam auf mich zu bewegenden Mann hinüber. Der wiederholt meine Frage: „Wer ich bin?“ Ich bin auch Polizeibeamter!“, er nimmt die Spiegelbrille ab, als seine eiskalten, fast weißen Augen zu mir sagen: „und, ich ordne Sie ganz klar den Reichsbürgern zu!“ Ich schaue etwas bedrängt und verwundert fragend zu einem der beiden jungen Polizisten hinüber, kann mir trotzdem ein Schmunzeln nicht verkneifen, als der Mann in zivil seine Augen endlich seine Brille wieder aufsetzt und sagt: „Ich glaube, Ihr kommt hier jetzt allen klar.“ Als der Spiegelbrillenträger samt Hund mit Maulkorb wegfährt, fragt der blonde der beiden Polizisten, dem plötzlich der Profilierungsdruck abhanden gekommen ist: „Und? Stimmt das?“ Ich erkläre erneut meine Unabhängigkeit von allem, sei nur mir selbst verpflichtet, bestätige erneut die ernsthafte auf der Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes und bekräftige und das diesem Motto ja gerade ausdrücklich widersprochen werde. Es gehe hier außerdem um etwas viel Grundlegenderes, das weder einen Staat, eine Reichsburg oder eine GmbH brauche. Das wäre vergleichsweise bedeutungslos. Damit dieser unterhaltsame Unsinn hier eine Ende hat, will ich unsere treue Wegbegleiterin Astrid H. anrufen. Zum Glück habe ich kein Netz, Dirk T. Ebenso wenig. Die beiden nach dem Verschwinden des Dobermanns nun deutlich entspannteren Polizisten wittern eine neuerlich Finte, stellen dann fest, dass sie selbst kein Netz haben. Leider kann auch keiner meiner Nachbarn bestätigen, dass ich der bin, für den ich mich ausgebe, da keines der anwesenden Telefone funktioniert. Was nun? Wir warten eine halbe Stunde, man versucht, mich in den Untiefen des Polizeifunks irgendwie einordnen zu können, was irgendwie nicht gelingt. Nach einer halben Stunde Rätselraten, wie es nun weiter zu gehen habe, taucht plötzlich die wundervolle Stütze und Säulenheilige dieser Expedition Astrid H. an, fragt engelsgleich, ob sie bei diesem staatlich geförderten Kunstprojektes helfen könne. „Ach so, warum sagen Sie das nicht gleich?“ ruft einer der beiden Polizisten. Ich zucke die Stipendienzusagen, die sofort gegen gelesen wird. Es entsteht ein entspannter Dialog über Sinn und Unsinn von Kunstprojekten. „Und Sie laufen wirklich den gesamten Weg? Ist ja Wahnsinn!“ beurteilt einer der beiden dieses Vorhaben. „Sagen Sie mal ehrlich, wer profitiert denn von diesem Projekt?“ „Wir alle“, mischt sich Dirk T. aus dem Hinterhalt der anderen Straßenseite ein. „Ich meine, können Sie damit Geld verdienen?“ Kommt der Uniformierte aus den Punkt. „Ich zeige dem Polizisten meinen Kontostand, ermahne ihn aber: „Das müsse unter uns bleiben.“ - „Natürlich, ist Ehrensache“, gibt er mir recht. Dieses Projekt kann nun offenbar doch weiter gehen: „Lass Dich nicht verhaften, schnell ist es geschehen …“ summt es aus dem sichtlich angestrengten wie belustigten Dirk T. heraus….